Aberglaube setzt sich durch… von Sabine Schleese

Aberglaube ist ja ein wirklich spannendes Thema, das auch in Pferdezeitschriften gelegentlich seinen Platz findet, und ich dachte, ich könnte in diesem Blog mal meinen Senf dazugeben. Jochen hat mich gebeten, in dieser Woche etwas zu schreiben, zumal es um ihn geht und sich diese Geschichte besser in der dritten Person erzählen lässt.

Ich kann es manchmal nicht so ganz nachvollziehen, dass es im 21. Jahrhundert noch immer so viele Formen von Aberglauben um uns herum gibt. Eine Form des Aberglaubens ist es, diesen magischen Blick auf die Welt zu haben. Zur magischen Weltsicht gehört es, alles, was passiert nicht als Folge materieller Gegebenheiten und Ursachen oder als Zufall zu betrachten, sondern magische Zusammenhänge zu finden.

Personen, die an diese Form der Magie glauben, sind vom Lauf der Sterne bestimmt und ihr Glück ist etwas ganz Reales, das man heraufbeschwören und gnädig stimmen kann wie eine Gebieterin. Das Universum ist für sie ein lebendiges Wesen, das sich für die jeweilige Person interessiert und das man besänftigen kann und muss. Der magische Weltbürgerglaubt an alles, selbst wenn es sich wiederspricht. Glück, Schicksal, Astrologie, all das ist für ihn fassbar.

Ein anderer Typ von abergläubischen Personen (zum Beispiel Jochen!) fühlt sich auf den Schlips getreten, wenn man sie abergläubisch nennt. Niemals im Leben würden sie sich etwa aus der Hand lesen lassen, pusten aber auf die Würfel, bevor sie diese werfen, oder tragen vor wichtigen Ereignissen einen Glücksbringer. Jochen macht sich weder über Geister Gedanken, noch über das Bermuda Dreieck, aber er schließt auch nicht aus, dass da irgendetwas dran sein könnte. Er ist sich ziemlich sicher, dass er selbst ein wenig hellseherisch veranlagt ist. Allerdings ist er auch ein ziemlich guter Zuhörer.

Er klopft auf Holz, wenn er über etwas spricht, von dem er nicht möchte, dass es eintritt, aber ich weiß nicht genau, aus welchem Grund. Glaubt er wirklich, dass er damit etwas bewirkt, oder  möchte er einfach sichergehen, sozusagen für den Fall der Fälle? Ich glaube nicht, dass er sich das je gefragt hat.

Jochen Schleese & Pirat auf einer Vielseitigkeitsmeisterschaft in Deutschland

Die Glücksbringer oder Talismane abergläubischer Leute haben mich schon immer amüsiert und erstaunt, vor allem Sportler haben ja einen Hang zu bestimmten Angewohnheiten oder Ritualen, von denen  sie annehmen, dass sie ihnen helfen, in ihrem Sport erfolgreich zu sein. Unter all den abergläubischen Angewohnheiten ist das Klopfen auf Holz sicher am weitesten verbreitet.

Auch wenn die meisten dieser Angewohnheiten eher der Gewohnheit entspringen, als der wirklichen Überzeugung, dass eine Angewohnheit Glück bringen oder einen vor Schaden schützen würde. Wir haben seit über 30 Jahren schwarze Katzen, die uns scheinbar nichts als Freude bereitet haben – kein Hauch von Unglück.

Jochen jedenfalls trifft bestimmte Entscheidungen, indem er eine Münze wirft oder er macht sie davon abhängig, wie lange sein Ehering auf dem Tisch kreiselt, und, um zum Reiten zurück zu kommen, er ist bekannt dafür, während eines Vielseitigkeitsturniers an allen drei Tagen ein bestimmtes Paar Socken und lange Unterhosen zu tragen.

Mein logisch denkender und ach so pragmatischer, extrem penibler Ehemann verblüffte mich mit dieser abergläubischen  „Angewohnheit“, die ich während eines Turniers entdeckte, das inzwischen beinah zur Frühgeschichte gehört, nämlich die Deutschen Vielseitigkeitsmeisterschaften 1982 im bayrischen Achselschwang.

Damals ritt Jochen für die Deutsche Juniorenmannschaft und wir waren gerade ganz frisch zusammen und entdeckten täglich Neuland, was den jeweils anderen betraf. Deutschland wurde in jenen Tagen von den letzten Zuckungen einer ungewöhnlichen Hitzewelle geplagt und die Temperaturen lagen wochenlang bei über 30 Grad. Wir fuhren ins südliche Bayern und Jochen bestand darauf, eine lange Unterhose unter seiner Reithose mit Volllederbesatz zu tragen.

Wäre ich im passenden Alter gewesen, hätte ich allein bei seinem Anblick todsicher Hitzewallungen bekommen. Obwohl die Angewohnheit auch wieder nicht total aus dem Rahmen fiel. Ich selbst hatte sie von Jochen übernommen und mir angewöhnt, lange Unterhosen unter Volllederhosen zu tragen, da die Hosen ohne etwas darunter nicht besonders bequem waren.

Was mich wirklich überraschte, war, dass er zusätzlich hellorange Seidensocken trug, seine sogenannten „Glücksbringersocken“, und er lehnte es ab, sie zu waschen oder aus seinen Stiefeln zu entfernen, und zwar während der gesamten drei Tage, während der wir dort waren. Am Ende der drei Tage konnte man die Socken an die Wand werfen und sie blieben dort kleben.

Aber sei`s drum, sie müssen ihm wirklich Glück gebracht haben, denn er platzierte und qualifizierte sich für das nächsthöhere Niveau, die Europäischen Meisterschaften in Boekelo, Holland. So, und nun sagen Sie es mir: Glücksbringer, ja oder nein? Was sind Ihre Glücksbringer?