Sattelanpassung und Problemverhalten, Teil 2 – Der elfte Hirnnerv

Schematische Darstellung des Nervensystems von Pferden, das den elften Hirnnerv (Cranial Nerv 11) zeigt

Auch wenn dies scheinbar ein ziemlich trockenes Fazit der kleinen Serie über schlechtes Benehmen von Pferden ist, so erklärt es doch eine Menge.

Während über 50 Millionen Jahren der Evolution hat ein Hengst seine Rivalen in die Widerristregion gebissen, um seine Dominanz zu zeigen und den Gegner buchstäblich in die Knie zu zwingen. In die gleiche Region beißt ein Hengst auch eine Stute, um sie auf den Deckakt vorzubereiten. Die Stute soll stehen bleiben, und nicht nach vorne laufen, damit der Hengst gefahrlos aufsteigen kann. Auch ein Raubtier greift an dieser Stelle an, um den Fluchtreflex auszulöschen und die Beute zu Boden zu bringen.

Dieser Reflexpunkt ist auch als elfter Hirnnerv bekannt (CN 11). Kneifende Kopfeisen, Longiergurte, Voltigiergurte, Fahrgeschirre oder Vorgurte führen alle zu dem gleichen Ergebnis wie der Biss eines Hengstes, der wie ein Schraubstock auf die Muskeln der Widerristregion wirkt.

Die Natur hat drei reflektorische Überlebensmechanismen für CN 11 festgelegt, die ausgelöst werden, wenn eine Stute oder ein Hengstrivale hier gebissen werden, oder wenn das Kopfeisen oder der Sattel hier auf den seitlichen Widerrist drückt. Der Nerv signalisiert dem Gehirn dann, dass die Bewegung in Schulter und Oberarm blockiert wird. Außerdem wird sichergestellt, dass sich der lange Rückenmuskel (Musculus Longissimus) zusammenzieht und der Rücken weggedrückt wird. Die Rückenwirbel klemmen dann zusammen wie beim Kissing Spine Syndrom. Und drittens rotiert das Becken als Folge des verkürzten Longissimus nach vorne und öffnet sich als Vorbereitung für den Deckakt.

Alle drei Reaktionen führen zu einer reflexiven Immobilität des Pferdes. In der Natur ist das überlebenswichtig. Der Hengst kann die Stute besteigen, ohne von ihr geschlagen zu werden und der Rivale ist während eines Kampfes bewegungsunfähig.

Paradoxerweise möchten wir als Reiter ja genau das Gegenteil davon erreichen! Wir möchten ein Pferd mit einem entspannten, weichen und tätigen Rücken, das mit der Hinterhand untertritt. Nur so ist ja gewährleistet, dass wir nicht auf der Vorhand reiten, dass der Druck von den Bändern, Sehnen, Muskeln und Knochen genommen ist, damit unser Pferd ein Leben lang gesund bleibt und wir froh und harmonisch reiten können. Das können wir aber nur erreichen, wenn der elfte Hirnnerv nicht durch Druck von einem schlecht passenden Kopfeisen beeinträchtigt wird.

Der Bockreflex

Dieser Reflexpunkt liegt über der Faszie hinter dem 18ten Βrustwirbel. Die erste Reaktion eines Pferdes ist es, einen Sattel loszuwerden, der zu lang ist und in die Faszie drückt, die in dieser Region über die Querfortsätze verläuft. Einen zu langen Sattel erkennt man auch daran, dass statt Schritt Pass gegangen wird (Vorder- und Hinterbein gehen gleichzeitig nach vorne, statt diagonal mit der gegenüberliegenden Seite), dass die Hinterbeine im Trab nachgezogen werden oder dass der Galopp einen Viertakt hat.

“Probleme mit dem Angurten”

Wenn Sie einen kurzen Sattelgurt verwenden, dann achten Sie darauf, dass die Schnallen nicht auf die Muskelkanten der Brustmuskulatur drücken. Bei einem Langgurt besteht die Gefahr, dass die Schnallen auf die Muskelkanten des Musculus Latissimus drücken. Die Schnallen können einen starken, punktuellen Druck in diesem Gebiet ausüben, der dazu führt, dass sich die Muskelfasern des Triceps in einer instinktiven Selbstschutzreaktion zusammenziehen, um weiteren Druck und Druckstellen zu verhindern.

Im Trab wird es dadurch kein weites, freies Vorgreifen der Vorderbeine zur Verlängerung der Tritte bis zum Mitteltrab geben können und die Übergänge zwischen den Gangarten werden sehr verspannt ausfallen.

Die Brustmuskulatur braucht das volle Ausmaß an Kontraktion und Dehnung, damit ein weites, freies Ausschreiten möglich ist und die Biomechanik kann nur dann so arbeiten, wie sie sollte, wenn sie nicht behindert wird, sondern völlig frei ist.
Wenn die Kissenspitze oder die Gurtstrippen auf den subscapularen oder den thoracodorsalen Nerv drücken, wird einer der beiden oder beide zusammen reflektorisch dafür sorgen, dass der Musculus Triceps kontrahiert.

Die Bewegung nach vorne wird ver- oder behindert und das Pferd läuft wie eine Nähmaschine, aber mehr oder weniger auf der Stelle. Vielleicht trippelt oder stolpert es auch.

Der Comic veranschaulicht ganz gut, was es mit dem sogenannten Problemverhalten auf sich hat.
(mit der Erlaubnis von Jean Abernethy)

Kind: Erst buckelst du, dann tänzelst du, dann hüpfst du herum, was soll dieses schlechte Benehmen heute, Fergus?
Fergus: Schlechtes Benehmen?
Mein liebes Kind, das ist kein schlechtes Benehmen, das ist Selbstentfaltung!