Die andauernde Kontroverse – Sattel mit oder ohne Baum – Teil 2

Nachdem wir im letzten Blogtext die Sichtweise von Barbra Ann King erörtert haben, nutze ich nun mein Vorrecht als Autor dieses Blogs, um das Konzept von Sätteln mit Baum näher auszuführen, im Vergleich zu Sätteln ohne Baum.

Der Begriff „baumloser Sattel“ ist im Grunde irreführend, da es sich eigentlich um ein Reitkissen oder Bareback Pad handelt. Besonders eingehen möchte ich auf den Punkt, dass baumlose Sättel nach Barbra Ann Kings Ansicht selbst bestens angepassten Sätteln mit Baum überlegen sind.

Bitte entschuldigen Sie, wenn dieser Text ein wenig lang wird, und ich ihn daher in zwei Teile unterteilen werde. Der Rest folgt dann in der kommenden Woche. Es gibt einfach so viel zu sagen!

Übrigens haben wir vor einiger Zeit eine Studie angeregt, in der vier unterschiedliche Sättel auf vier Pferden unterschiedlicher Rassen eingesetzt wurden. Es war ein Westernsattel, ein Sattel ohne Baum, ein angepasster englischer Dressur-Sattel von Schleese und ein durchschnittlich passender englischer Sattel.

In der Diagnostik wurde Thermographie, Computerpad-Analyse und die Pegasus Ganganalysen-Software eingesetzt. Die Pferde wurden sowohl mit einem männlichen Reiter, als auch mit einer weiblichen Reiterin analysiert. Dabei wurden alle Sättel in allen Gangarten angesehen.

Die Ergebnisse waren sehr interessant, und ohne zu sehr ins Detail zu gehen, sei hier erwähnt, dass die folgenden Ausführungen vor allem auf den objektiven Resultaten der Ganganalyse aus dieser Studie fußen. Sie ist vielleicht das genaueste Diagnoseinstrument, das derzeit zur Verfügung steht, um Veränderungen in der Biomechanik von Pferden unterm Sattel in allen Gangarten zu messen. Die Ergebnisse wurden durch die Thermographie und die Computeranalyse bestätigt.

Das Reitergewicht kann nur durch einen Baum von der Wirbelsäule des Pferdes weggehalten werden. Das Pferd hat eine horizontale Wirbelsäule, der Mensch hat eine vertikale Wirbelsäule. Vielleicht denken Sie, dass ein Reitergewicht von ungefähr 80 Kilo für ein Pferd keine Folgen hat. Dem ist aber nicht so. Der Schwerpunkt des Pferdes liegt direkt hinter seinem Widerrist. In einem baumlosen Sattel kann der Reiter aber nicht weit genug nach vorne sitzen und muss daher hinter der Bewegung bleiben. Auch das Risiko, dass er hinter der letzten unterstützenden Rippe sitzt, ist groß.

Vor allem bei Männern liegen ja die Sitzbeine dichter zusammen und haben einen steileren Winkel, so dass sie sich jedes Mal, wenn er einsitzt, in den Pferderücken bohren. Das wird innerhalb kürzester Zeit sehr schmerzhaft. Ein Reiter, der zwei Mal pro Woche eine halbe Stunde ausreitet, fügt seinem Pferd damit keine Langzeitschäden zu, doch ein weit ausgebildetes Dressurpferd, das fünf Mal pro Woche 45 Minuten unter einem 70 Kilo-Reiter geht und dabei die Sitzbeine in den Rücken gebohrt bekommt, ist es keine schöne Sache. Natürlich hat es mehr Schulterfreiheit, als unter einem Sattel mit einem starren Baum, doch inzwischen gibt es sehr viele Sattelbäume, die an dieser Stelle etwas flexibler sind.

Häufig wurden Pferdeschultern durch die Ortspitzen der Kopfeisen geschädigt. Daher ist ein Sattel mit längeren Ortspitzen, die nach hinten weisen, optimal.

Ein Sattelbaum kann sich sehr nachteilig auswirken, wenn er nicht korrekt konstruiert ist. Das ist bewiesen. Durch den Einsatz von Kameras mit Glasfaserleitern und durch Thermografie konnten Knochenchips und Verletzungen am Schulterblatt des Pferdes dargestellt werden. Doch auch ein baumloser Sattel kann zu Verletzungen führen.

Es hat einen Grund, dass die Mehrheit der Sättel heute noch immer einen Baum besitzt.

Wichtig ist dabei aber, dass der Baum die richtige Länge und vor allem am Widerrist auch die richtige Passform für das jeweilige Pferd hat. Am Widerrist, dem „Grip“ des Sattels, beißt der Hengst eine Stute vor dem Deckakt, damit sie sich nicht bewegt. Hier sitzt ein Reflexpunkt, der unabhängig vom Geschlecht des Pferdes Immobilität bewirkt. Daher sollte genau hier auch nicht zu viel Druck ausgeübt werden. Der Druck könnte außerdem die Dornfortsätze der Pferdewirbelsäule und die Bänder, die seitlich der Wirbelsäule verlaufen, schädigen.

Baumlose Sättel, oder besser: Reitkissen, funktionieren eine Zeitlang gut, vor allem, wenn das Pferd vorher mit einem schlecht angepassten Sattel geritten wurde. Mit der Zeit wird der konstante Druck aber zu Langzeitschäden führen.

Es ist widersinnig, zu erwarten, dass man einen Sattel kaufen kann, der ohne jegliche Anpassung ein Leben lang passt. Ein gut passender Sattel führt dazu, dass das Pferd Muskulatur aufbaut und sich sein Gebäude verändert, so dass mindestens ein Mal im Jahr eine Sattelanpassung nötig ist, damit der Sattel diesem Wachstum gerecht wird. Reitet man fortwährend in einem Sattel, ohne dass dieser aufgepolstert oder neu angepasst wird, tut man dem Pferd keinen Gefallen.

Benutzt man stattdessen unterschiedliche Pads, um die Passform anzupassen, ist das höchstens eine Notlösung. Pads sollen das Leder gut angepasster Sättel vor Schweiß schützen und nicht dicker als eine dünne Lage Baumwolle sein. Stellen Sie sich vor, Ihre Schuhe seien zu eng und sie zögen noch ein weiteres Paar Socken an! Das ist das gleiche Prinzip.

Meine Ausführungen oben werden von vielen aktuellen Büchern zur Anatomie des Pferdes gestützt (siehe vor allem die Verweise auf das lange Rückenband, das Ligamentum Supraspinale). Tierärzte tun sich mitunter schwer, eine Erklärung für Probleme von Pferden zu finden, wenn diese durch die Verwendung eines falschen oder schlecht sitzenden Sattels verursacht wurden.

Die traurige Wahrheit ist, dass baumlose Sättel der Logik der Anatomie von Pferden widersprechen. Sie funktionieren vielleicht ein paar Jahre lang, doch wie hier bereits ausführlich dargestellt, gibt es einen Grund dafür, dass Sättel mit Baum auf dem Markt überwiegen und weltweit so erfolgreich waren.