Die Passform des Sattels und der schwerere Reiter

Auch wenn ich riskiere, einige unserer LeserInnen zu verletzen, so ist dies doch ein Thema, das Ehrlichkeit erfordert. Ich möchte niemanden angreifen, da das Problem eines gut sitzenden Sattels auf keinen Fall nur schwerere ReiterInnen betrifft. In der Tat können alle ReiterInnen und alle Pferde von einem korrekt angepassten Sattel profitieren.
Dennoch haben schwerere ReiterInnen eine ganze Reihe von Herausforderungen im Gepäck. Mit schweren ReiterInnen meine ich Frauen, die mehr als 90 Kilo wiegen und Männer, die schwerer als 125 Kilo sind.
Wenn sich ein schwerer Reiter oder eine schwere Reiterin ein Pferd aussucht, sollte eines der Hauptkriterien sein, dass dieses Pferd eine großzügig bemessene Sattelunterstützungsfläche hat, so dass ein größerer Sattel, der die Bedürfnisse des Reiters oder der Reiterin erfüllt, darauf Platz findet. Es sollte sich also eher um einen großen Warmblüter handeln, als um ein Vollblut.

Zunächst einmal ist es immer am wichtigsten, dass der Sattel dem Reiter oder der Reiterin passt. Tut er das nämlich nicht, so wird sich das Unbehagen der reitenden Person auch auf das Pferd übertragen, ganz egal wie gut der Sattel zum Pferd passt. Dadurch wird die Leistungsfähigkeit von Pferd und ReiterIn stark begrenzt. Natürlich gibt es eine Reihe von Punkten, die bedacht werden müssen, damit der Sattel der reitenden Person passt. Einer davon ist, dass der Sattel das Geschlecht der reitenden Person berücksichtigt. Es gibt verschiedene Regionen, in denen der Sattel dem Reiter oder der Reiterin passen muss. Kurz und allgemein  gesagt – Ausnahmen bestätigen die Regel – sind das diese:

  • Die Sitzgröße muss zu den Pobacken passen
  • Die Sitzbreite muss zu den weiter auseinander liegenden Sitzbeinen passen
  • Die Taille des Sattels und die Naht in der Schrittregion müssen für Frauen weiter geschnitten sein, so dass Unbehagen im weiblichen Genitalbereich und Reiben an der Unterwäsche vermieden wird. Bei Männern ist dieser Bereich enger geschnitten.
  • Die Sturzfeder (Steigbügelriemenaufhängung) ist bei Frauen länger und reicht weiter nach hinten, da die Oberschenkel von Frauen in der Regel länger sind, als die Unterschenkel, was die Lage der Beine beeinflusst.
  • Der Satteltwist, also die Region zwischen den inneren Oberschenkeln, sollte für Frauen enger gestaltet werden als für Männer, da Frauen ein anders geformtes Hüftgelenk und eine anders gewinkelte Hüftgelenkpfanne haben. Schwerere Reiterinnen brauchen einen sehr engen Twist, da ihre Oberschenkel vermutlich ziemlich dick sind.
    Die Sitzpolsterung muss bei Frauen hinten mehr unterstützen, um zu verhindern, dass die Reiterin nach hinten „fällt“, da Frauen ein kürzeres Steißbein und höher verlaufende Glutealmuskeln haben, als Männer.
  • Manchmal haben schwerere ReiterInnen Pferde, die nicht unbedingt Gewichtsträger sind. Das ist wirklich ein trauriges Kapitel, denn wir haben ReiterInnen gesehen, die mehr als 125 Kilo wogen und dünne kleine Vollblüter ritten. Ein gut angepasster Sattel kann dieses Problem zumindest ein wenig abmildern. Man braucht dann einen Sattel, der zu einem größeren Po passt, sagen wir, 18 ½ Zoll, der aber andererseits auf einer relativ kurzen Sattelunterstützungsfläche liegen muss, sagen wir, auf einem 17,5 Zoll Kissen. Das geht natürlich.
  • Wir sagen, die Oberseite des Sattels ist für die reitende Person, die Unterseite fürs Pferd.

Im Folgenden nenne ich einige Anzeichen dafür, auf welche Weise ein schlecht angepasster Sattel das Gewicht, das ein Pferd zu tragen hat, noch erhöht.
Ein Sattel, der zu lang für den Pferderücken ist, was vermutlich auf die meisten 18,5 oder 19 Zoll Sättel zutrifft, die zur schwereren Reiterin passen, führt dazu, dass das Pferd z.B. buckelt, stolpert oder steigt. Das kommt daher, dass der Sattel über die Sattelunterstützungsfläche hinaus nach hinten reicht und auch noch hinter dem 18ten Brustwirbel aufliegt.
Dadurch wird der Buckelreflex ausgelöst. Der Sattel stört die Nierenregion des Pferdes und wirkt bei Stuten auch auf die Eierstöcke ein.
In jedem Fall reagiert das Pferd reflexiv und instinktiv auf diese Störung. Der Rücken kann nicht aufgewölbt werden und es geht nur zögerlich vorwärts. Es hat ganz einfach Schmerzen und natürlich reagiert das Pferd auf Schmerzen. Es versucht nicht,  Sie willentlich aus dem Sattel heraus zu befördern!
Stoischere Pferde drücken den Rücken weg, was das Reitergewicht letztlich verdoppelt, da der Reiter nicht mehr mit der Bewegung des Pferdes mitschwingen und dabei den vier natürlichen Kurven der Wirbelsäule folgen kann.

Die Passform des Sattels sollte regelmäßig überprüft werden, egal, ob Sie nun eine schwerere Reiterin sind oder ob nicht. Bei einer schweren Reiterin wird sich die Füllung der Kissen schneller verfestigen. Sobald das Gleichgewicht in Gefahr gerät, fängt die Reiterin an, zu klammern und verliert die Elastizität ihres Sitzes. Sie oder er sitzt härter und schwerer auf dem Pferderücken.
Eine Aufstiegshilfe, die der reitenden Person hilft, in den Sattel zu steigen, ist eine gute Sache. Auch hierbei geht es nicht ums Gewicht, sondern darum, dass der Zug und die Belastung für Sattel und das Pferd proportional zur Höhe der Aufstiegshilfe abnehmen.

Wir reden viel darüber, dass der Sattel dem Pferd passen soll, aber es gibt auch Möglichkeiten, dass der Mensch zum Sattel passt. Um das zu gewährleisten, muss die Anatomie des Menschen berücksichtigt werden: männlich/weiblich, Beinlänge, Lage des Schenkels, Hüftgelenk, Hüftregion, Gewicht, dies alles sind Punkte, auf die man achten muss, wenn man einen Sattel baut.
Natürlich hat eine ausbalancierte Reiterin eine bessere Chance, das Pferd nicht zu stören. Um die Balance der reitenden Person zu ermitteln, legen Sie den Sattel auf ein Reitpferd und setzen Sie die Person in den Sattel. Lassen Sie sie dabei fotografieren und sehen Sie sich auf dem Foto vier Punkte an, die Ihnen verraten, ob und auf welche Weise die Person ausbalanciert ist:

  • Ist gleich viel Platz auf dem Sattelblatt vor und hinter dem Bein
  • Endet das Sattelblatt 10 bis 15 cm unterhalb der Kniescheibe?
  • Hängt das Reiterbein schräg von vorne betrachtet bündig mit dem Sattelblatt nach unten, oder sind Knie und Zehen leicht nach außen gerichtet?
  • Sitzt die Reiterin ausbalanciert auf ihren Sitzbeinhöckern und fühlt sie ihre Sitzbeinhöcker ohne jeglichen Druck in der Schrittregion? Sind Schulter/Hüfte/ Absatz in einer natürlichen Lotrechten, ohne dass nachgeholfen werden muss?

Beinah noch wichtiger ist es, anschließend die Bedürfnisse des Pferdes hinsichtlich des Sattels in Augenschein zu nehmen. Stellen Sie sicher, dass die Kammer des Sattels dem Pferd um den Widerrist herum genug Raum gibt, so dass die Muskulatur des Pferdes in der Bewegung ungestört arbeiten kann, ohne dass der Sattel drückt. Kopfeisen und Ortspitzen müssen den gleichen Winkel haben wie die Schulter des Pferdes, um auch hier Bewegungsfreiheit zu gewährleisten (stellen Sie sich sinnbildlich eine Schiebetür vor!). Keinesfalls darf der empfindliche Schulterknorpel beschädigt werden.

Wir haben alle schon furchtbare Bilder von Leuten gesehen, die in zu kleinen Sätteln reiten. Dies fügt nicht nur dem Pferd, sondern auch der reitenden Person Schaden zu. Beim Pferd kann es zu Lahmheiten, Subluxationen des Kreuzdarmbeingelenks, Verletzungen an den Wirbeln, Nervenschäden entlang der Wirbelsäule und zu Verhaltensproblemen kommen, die auf Schmerzen zurückzuführen sind, wie Buckeln, Stolpern oder Widersetzlichkeit. Beim Menschen kann es zu Bandscheibenvorfällen, ständigem Rückenschmerz und Hüftschäden bis hin zur Notwendigkeit einer Hüft-Operation kommen.
Die beste Analogie für die Folgen eines zu engen Sattels ist ein zu enger Schuh, der unweigerlich zu einer Blase an der Ferse führt, während ein zu großer Schuh weniger drastisch drückt. Sitzt eine schwerere Reiterin in einem zu kleinen Sattel, ist ein geschmeidiger Sitz unmöglich. Dadurch wird das Gewicht der Reiterin faktisch verdoppelt. Weder kann sie elastisch durch ihren Rücken schwingen, noch harmonisch mit dem Schwung des Pferderückens mitgehen.

Betrachtet man die neun Punkte umfassende Sattelpassform, so sind sowohl die Länge als auch die Weite des Sattelbaums (die man nicht mit dem Winkel des Sattelbaums verwechseln sollte) entscheidend. Schwerere ReiterInnen brauchen eine weichere Füllung der Kissen und manchmal auch zusätzliche Satteldecken, sofern der Baum weit genug ist, um diese aufzunehmen. Die Sitzgröße und die satte Auflagefläche der Kissen sind ebenfalls wichtig.  Je schwerer eine Reiterin ist, desto problematischer ist eine Brückenbildung des Sattels. Eventuell muss der Sattel die Möglichkeit bieten, die Kissen bananenförmig zu füllen, um zu verhindern, dass sich der Sattel wegen des vermehrten Reitergewichtes in die Lenden oder die Schulter gräbt, wenn die Kissen zu gerade geformt sind.
Wir sollten nicht vergessen, dass Pferde gar nicht dafür konstruiert sind, geritten zu werden. Wir haben ihnen diese Aufgabe aufgezwungen. Daher ist es grundlegend wichtig, in einem korrekt angepassten Sattel zu reiten. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass sich das Gebäude eines Pferdes durchs Reiten verändert, da Reiten eine unnatürliche Aktivität ist.  Deswegen müssen Sättel regelmäßig neu angepasst werden. Und je mehr Gewicht eine Reiterin in den Sattel bringt,  desto häufiger muss auch der Sattel neu angepasst werden, weil sich der Pferderücken ständig verändert.