Die Sattelanpassung und baumlose Sättel – Teil 1

Mir ist gerade klar geworden, dass die gesamte Diskussion rund um baumlose Sättel versus Sättel mit Baum sehr kontrovers verläuft. Bisher habe ich meine persönlichen Gedanken dazu in diesem Blog hier noch nicht geäußert. Meine Meinung basiert auf wissenschaftlichen Untersuchungen und reellen Fakten, egal, was die Hersteller von baumlosen Sätteln behaupten.

Ich hatte interessante Gespräche mit Barbra Ann King von Relationship Riding in Alberta zum Thema baumlose Sättel. Einige meiner unten geäußerten Gedanken fußen auf ihrer Sicht der Dinge. In meinem nächsten Blog wird es mehr um meinen eigenen Standpunkt zum Thema „baumlos“ gehen, in dieser Woche ist meine Grundhaltung eher versöhnlich und integrierend.

Diese unterschiedlichen baumlosen Sättel unbekannter Marken sind Zufallsergebnisse aus dem Internet

Das Thema baumlose Sättel ist ein Streitthema und jede Seite hat ihre glühenden Verfechter. Seit der Einführung baumloser Sättel haben sich einige Hersteller sowohl mit der Wirbelsäulenproblematik als auch mit der Gewichtsverteilung beschäftigt. Nur wenige von ihnen konnten mich allerdings überzeugen.

Mrs. King hat einige Erfahrung damit, Pferde, die durch falsch angepasste Sättel mit Baum unter Muskelatrophie leiden, wieder aufzutrainieren und zu rehabilitieren. Ihre Erfolge sind deutlich, dramatisch und überzeugend. Ganz offensichtlich gibt es also zwei Sichtweisen einer Sache.

Ich bin der Meinung, dass baumlose Sättel unter Umständen kurzzeitig eine gute Übergangslösung darstellen können, generell stellen gut angepasste Sättel mit einem Baum aber in jedem Fall die bessere Lösung dar.

Der Grund dafür, dass Sattelbäume entwickelt wurden, liegt viele Jahrhunderte zurück. Damals war Pferdeverstand nichts wirklich Besonderes. Pferdeleute mussten sicherstellen, dass ihre Pferde gesund blieben, da ihr Leben von ihren Pferden abhing. Der Sattelbaum dient als Schnittstelle zwischen der vertikalen Wirbelsäule des Reiters und der horizontalen Wirbelsäule des Pferdes und schützt beide vor Langzeitschäden.

Viele der heutigen baumlosen Sättel werben damit, Wirbelsäulenfreiheit und ausgewogene Gewichtsverteilung zu bieten, doch sie sind nicht auf die gleiche Weise konstruiert. Manche von ihnen sind nur bessere Reitkissen oder Bareback Pads. Das gilt natürlich auch für Sättel mit Baum, von denen viele noch genauso gebaut werden, wie vor Jahrzehnten, ohne dass man den Baum oder das Kopfeisen wirklich anpassen kann.

In einem baumlosen Sattel, der für einen Mann konstruiert wurde, haben Frauen nicht die nötige Unterstützung im hinteren Beckenbereich, um korrekt und im Gleichgewicht zu sitzen. Das gilt natürlich auch für Sättel mit Sattelbaum. Das weibliche Becken auf dem Foto wird in der Position gehalten, in der es sich in einem baumlosen Sattel ungefähr befinden würde. Das Foto zeigt, dass hier die nötige Unterstützung fehlt, die ein Sattel mit Baum ihr im hinteren Bereich geben würde, so dass sie in die Lotrechte kommen könnte. Das zeigt die grüne Linie. Sie ist stattdessen von der Lotrechten aus betrachtet nach hinten gekippt (dargestellt durch die rote Linie).

Die Gewichtsverteilung auf einem Pferd in Bewegung unterscheidet sich, je nachdem, ob das Pferd mit einem Sattel mit Baum, also mit harter Oberfläche, oder ohne Baum, also mit weicher Oberfläche, geritten wird. Wenn auf eine harte Oberfläche in der Bewegung durch das Gewicht Druck ausgeübt wird, so muss dieses Gewicht verteilt und ausbalanciert werden. Andernfalls gerät das Pferd aus dem Gleichgewicht oder es gibt an bestimmten Punkten Druckspitzen. In diesem Fall würde sich der Sattelbaum sehr unbequem für das Pferd anfühlen. Der Körper des Reiters und des Pferdes wären dann nicht in Kontakt und würden sich nicht im Gleichtakt bewegen.

Auf einem weichen Sattel bewegen sich die Körper von Pferd und Reiter synchron, weil zwischen ihnen keine Störung auftreten kann. Da der Körper des Pferdes sich bewegt und der Reiter mit dieser Bewegung mitgeht, sind die Druckpunkte beim baumlosen Sattel weniger deutlich. Auch die Gewichtsverteilung ist hier völlig anders. Das erklärt vielleicht auch, warum jahrhundertelanges Reiten in baumlosen Sätteln nicht Senkrücken und Schmerzen bekamen. Allerdings muss man berücksichtigen, dass Reiter, die ohne Sattel ritten, häufig Ureinwohner waren, z.B. nordamerikanische Indianer, und dass sie auf Ponys ritten. Dressur oder andere unserer modernen Reitdisziplinen waren ihnen fremd.

Senkrücken sind meist das Ergebnis menschlichen Einflusses auf das Pferd. Er tritt auf, wenn die dorsalen Muskeln des Pferdes atrophieren, weil sie über Jahre nicht benutzt wurden. Sattelbäume können verhindern, dass sich die dorsalen Muskeln frei und in vollem Ausmaß bewegen, wenn sie nicht ordentlich und unter Berücksichtigung der biomechanischen und anatomischen Bedürfnisse des Pferdes angepasst wurden.

Ein Sattel mit Baum, kann die fehlende Balance eines Reiters etwas ausgleichen. Der Reiter fühlt sich dann nicht unbedingt im Ungleichgewicht und bemerkt vielleicht nicht, dass es nötig wäre, etwas zu verändern. Dadurch wird der Pferderücken in Mitleidenschaft gezogen. In einem baumlosen Sattel fühlt der Reiter, dass er nicht im Gleichgewicht sitzt, da es keine harten Komponenten gibt, die das Ungleichgewicht ausbalancieren würden. Der Reiter muss sich hier selbst schnellstmöglich korrigieren, wenn er dazu in der Lage ist.

Es gibt viel zu bedenken, wenn man sich über Sättel mit und ohne Baum unterhält. Beispielsweise spielen gut bearbeitete, gut ausbalancierte Hufe, die körperliche Verfassung, das Gebäude von Pferd und Reiter und der Ausbildungsstand beider eine Rolle. Schließlich sollte das Pferd den Reiter tragen, ohne dass seine natürlichen Bewegungsabläufe eingeschränkt werden. Wenn man sich vorstellt, dass der Reiter aus dem Sattel verschwindet, sollte sich das Pferd noch genauso natürlich bewegen, wie mit dem Reiter im Sattel. In Wirklichkeit kommt diese Idealvorstellung leider nicht so häufig vor. Wir dürfen nicht vergessen, dass ein Pferd ursprünglich nicht als Reittier konstruiert war, auch wenn wir es dazu gemacht haben.