Die Sattelpassform und das sogenannte Problempferd „Rummy Royals“ Fallgeschichte

Alarm beim Sattelcheck! Ein Pferd, das wegen eines schlecht passenden Sattels steigt.

Nach meiner Erfahrung verhalten sich Pferde nicht bewusst „unerzogen“ oder gar „böse“. Das ist eine Vermenschlichung, die Pferden häufig fälschlicherweise angehängt wird, wenn sie auf äußere Reize reagieren, die zu unerwünschtem Verhalten führen. Die Situation, von der ich erzählen möchte, ist ganz offensichtlich auf einer einfachen kausalen Ebene von Ursache und Wirkung zu erklären, die leicht herzuleiten war. Der Höhepunkt dessen, was geschah, ist auf dem Foto zu sehen.

Rummy Royal, ein wunderschöner, elfjähriger, niederländischer Warmblutwallach verhielt sich immer unberechenbarer, wenn seine Besitzerin mit ihm trainieren wollte. Rummy lief normalerweise zusammen mit den anderen Pferden draußen auf der Weide und kam nur in den Stall, wenn die Temperatur unter zehn Grad minus fiel. Während der Turniersaison war es andersherum und er stand täglich bis auf die ca. zwei Stunden, in denen er trainiert wurde, in der Box. So ging es jedes Jahr vom späten Frühjahr bis zum Herbst, und dann änderte sich die Situation hin zu einer natürlichen Haltung mit ständigen Sozialkontakten und dem Grasen in einer herdenähnlichen Konstellation mit etwa sieben anderen Pferden.

Rummy entwickelte keine Verhaltensstereotypien, die normalerweise charakteristische Zeichen für Boxenstress sind. Stattdessen zeigte er unterschiedliche problematische Verhaltensweisen, wenn er für sein Training fertig gemacht wurde. Sobald seine Besitzerin mit dem Sattel überm Arm erschien, legte er die Ohren an. Beim Aufsatteln drehte er sich um und schnappte nach ihr. Manche Pferde lehnen den Sattel so stark ab, weil sie ihn mit Schmerzen oder harter Arbeit verbinden, und um das zu verhindern, schlagen sie sogar aus. Dieses aggressive Verhalten kann ein einfacher Verteidigungsmechanismus bei Pferden sein, bei denen sich eine Verbindung zwischen Gerittenwerden und Schmerz entwickelt hat.

Rummy zeigte Anzeichen von Sattelzwang, die stärker als das übliche Anhalten der Luft beim Satteln waren. Er knickte sogar mit den Vorderbeinen ein, wenn der Gurt angezogen wurde. Man muss beachten, dass eine Überempfindlichkeit in dieser Region wahrscheinlich eher mit Schmerzen zusammenhängt, als mit irgendeinem Ungehorsam oder dem Wunsch, nicht arbeiten zu müssen. Die Probleme mit Rummy hörten an diesem Punkt jedoch nicht auf.

Wenn seine Besitzerin ihn nach draußen führte und versuchte, aufzusitzen, wurde es wirklich gefährlich und Rummy versuchte, der Aufstiegshilfe seitwärts zu entkommen. Sobald die Besitzerin einen Fuß in den Bügel stellte, stieg er. Sein Verhalten ging über eine Schmerzvermeidungsreaktion hinaus. Irgendetwas lief offensichtlich extrem falsch. Und unsere gesamte Erfahrung sagte uns, dass dieses Etwas der Sattel sein musste.

Wir baten Rummys Besitzerin, ihn von beiden Seiten anzubinden, den Gurt zu lösen und abzusatteln. Natürlich war der Sattel der Inbegriff eines traditionellen englischen Sattels, dessen Aufbau das Gebäude dieses Pferdes in keinster Weise berücksichtigt. Mit Hilfe unserer grundsätzlichen Evaluationsmethode, die auch für Laien leicht verständlich ist, sahen wir uns die Sattelpassform des Sattels genau an und besprachen die 9 Punkte der Sattelpassform und warum dieser spezielle Sattel von seiner Konstruktion her den meisten der Punkte nicht entsprach. Vor allem die nach vorne weisende Kissenspitze und das enge, kneifende Kopfeisen verursachte in der Bewegung so starke Schmerzen, dass das Pferd alles versuchte, um zu verhindern, dass die Reiterin noch zusätzliches Gewicht in den sowieso schon zu engen Sattel bringen konnte.

Das Schulterblatt des Pferdes (und der empfindliche Knorpel am distalen, also unteren Ende des Schulterblatts) schlug bei jeder Bewegung gegen die Kissenspitze, nämlich dann, wenn die Skapula nach hinten-oben rotierte und bei jedem Schritt gegen die Spitze krachte. Das Kopfeisen kniff das Pferd und bot nicht nur oben am Widerrist zu wenig Raum, sondern auch links und rechts am Vorderzwiesel, so dass die Schultermuskulatur keinen Platz hatte, um sich auszudehnen und unter dem Sattel durchzurutschen, ähnlich wie bei einer Tür. Zusätzlich stimmte der Winkel der Kopfeisen an der Kissenspitze nicht mit dem Winkel der Schulter überein, was wiederum die Bewegung beeinflusste.

Der Kissenkanal dieses Sattels war extrem eng, er bot höchstens 1,5 Zoll Raum zwischen den Kissen, was bedeutete, dass die Dornfortsätze der Rückenwirbel, das empfindliche Nackenband und die Spinalnerven alle eingeklemmt wurden, vor allem mit dem zusätzlichen Reitergewicht. Außerdem war der Sattel auch noch zu lang für die Sattelauflagefläche dieses Pferdes, die am 18ten Brustwirbel endet, was bei Sattelherstellern leider häufig ignoriert wird.

Obwohl wir das Pferd nicht mit seiner Besitzerin im Sattel gehen sehen konnten, weil Rummy sie einfach nicht aufsitzen ließ, bestätigte sie uns, dass der Sattel beim Reiten immer nach rechts gerutscht war. Das untermauerte die Tatsache, dass das Kopfeisen nicht an die kräftigere Muskulatur der linken Schulter des Pferdes angepasst worden war.

Wenn das der Fall ist, wird der Sattel in der Bewegung von der kräftigeren Schulter nach hinten gedrückt und verschiebt oder verdreht sich auf dem Pferderücken, wirkt auf das Kreuzdarmbeingelenk ein und verursacht alle möglichen Folgeprobleme, vor allem aber: Schmerzen.

Wie bringt man dies alles nun in Ordnung? Die Lösung ist einfach: wir haben einen Sattel mit einem voll anpassbaren Sattelbaum benutzt und die nötigen Veränderungen vorgenommen, damit er zu Rummys Gebäude passte. Die Weite des Kissenkanals zwischen den Kissen betrug 3,5 Zoll. Es ist einfach, zu fühlen, wo die Dornfortsätze enden und wo die Muskulatur beginnt, die die Kissen trägt und die Weite des Kissenkanals bestimmt. Das Kopfeisen wurde asymmetrisch angepasst, damit es Rummys Schultermuskulatur entsprach und diese beiden Veränderungen sorgten bereits dafür, dass der Sattel seinem Rücken bequem passte.

In der Hoffnung, dass er dadurch abgelenkt war und sich seine Nervosität etwas legte, wurde Rummy außerdem an einem anderen Platz aufgesattelt. Seine kontextspezifischen Assoziationen mit dem Prozess des Sattelns sollten auf diese Weise überwunden werden.

Obwohl er zunächst die Ohren anlegte, als seine Besitzerin mit dem neuen Sattel über dem Arm auf ihn zuging, konnte man die Erleichterung, die er beim Angurten empfand, als der erwartete Schmerz nicht eintrat, sofort an seinen Augen ablesen. Er ließ seine Besitzerin aufsitzen, ohne auszuweichen und sie sagte, dass sie den Unterschied in seinen Bewegungen fühlen konnte. Um den Sattel zu testen, ritt sie alle drei Gangarten auf Zirkeln von zwanzig Metern Durchmesser.

Wir sagen immer, dass Augen und Ohren nicht lügen. Sie sollten wirklich lernen, Ihrem Pferd zuzuhören und seine Zeichen zu lesen. Wenn man nur alle sogenannten Verhaltensprobleme von Pferden so einfach lösen könnte!