Die Sattelpassform und der Rock’n Roll

Foto: Schleese

Es kommt oft vor, dass die Alleswisser auf den billigen Plätzen der Meinung sind, dass die Sättel ihrer Mitreiter nicht passen, weil sie zu viel Schwung im Rücken haben, weil sie also nicht platt auf dem Pferderücken aufliegen. Dies ist ein Missverständnis. In Wirklichkeit hat unser Wahnsinn Methode und wir bauen Sättel aus gutem Grund so und passen sie auch so an. Lassen Sie es mich erklären…

Die Sattelunterstützungsfläche oben auf den Rippen des Pferdes ist normalerweise immer von vorne bis hinten flach. Die Mehrzahl aller Sattelbäume weist einen leichten Bogen auf, so dass die Schulter, die sich zwischen fünfzehn und zwanzig Zentimetern nach hintenoben bewegt, genügend Raum hat.

Der Rücken, von dem wir möchten, dass er in der Bewegung mitschwingt, sollte sich aufwölben können, ohne dabei vom hinteren Sattelbaum gestört zu werden. Die großzügige Füllung der Kissen am Vorder- und Hinterzwiesel soll diese Regionen besonders abpolstern.

Um den Sattel zu stabilisieren wurde bei der Konstruktion von Sätteln vorrangig darauf geachtet, die Gewicht tragende Oberfläche von vorne bis hinten zu vergrößern. Manche Sattelhersteller gehen hier noch einen Schritt weiter und legen den Baum noch gerader aus, um ein Schaukeln des Sattels zu vermeiden.

Neuere Forschungsarbeiten setzen Thermographie, elektronische Sattelunterlagen, Glasfaserfotografie und andere hochmoderne Technologien ein, die zeigen, dass im Gegensatz zur allgemeinen Auffassung ein total flach aufliegender, augenscheinlich „perfekt sitzender“ Sattel die Bewegung des Pferdes behindern und Wärme, Reibung und infolgedessen auch Satteldruck oder Rückenschmerzen auslösen kann.

Die Herausforderung für unsere Sattelanpasser besteht darin, den Sattel so anzupassen, dass er tatsächlich etwas schaukeln kann, ohne aber zu wippen. Der Gleichgewichtspunkt des Sattels liegt entweder vorne, in der Mitte oder hinten. Das erreicht man, indem man die Oberseite des Sattelbaums dem Stil des Sattels oder dem Körper des Reiters anpasst.

Die Unterseite des Baums und der Kissen wird auf den Pferderücken zugeschnitten. Egal in welchem Sattel Sie reiten, Ihr Gewicht sollte mit der größtmöglichen Sorgfalt in einem Verhältnis von 30 : 40 : 30 auf die drei Abschnitte des Pferderückens verteilt werden. Während der Komfort für das Pferd bei den meisten Reitern höchste Priorität hat, wird dem Komfort der Reiterin oder des Reiters weniger Aufmerksamkeit gewidmet. Dabei ist es mindestens genauso wichtig, dass der Sattel der reitenden Person passt, andernfalls kann ein Pferd sich niemals wohlfühlen, egal, wie gut der Sattel ihm passt.

Wenn Sie als Reiter/in permanent gegen den Sattel ankämpfen, überträgt sich ihr Unbehagen aufs Pferd und beeinflusst sein Wohlbefinden und seine Bewegungsqualität. Machen Sie niemals Kompromisse bei der Sattelpassform fürs Pferd, indem Sie Pads oder Ähnliches benutzen, um den Sattel für den Reiter bequemer zu machen.

Bei jedem Sattel gibt es 15 Punkte, die darauf ausgerichtet sind, die Passform für die reitende Person zu überprüfen. Sie haben nichts damit zu tun, ob der Sattel dem Pferd passt und die Sitzbalance ist nur einer der 15 Punkte!

Ein nach vorne gelagerter Gleichgewichtspunkt ist derzeit sehr populär und steht im kompletten Kontrast zum nach hinten gelagerten Gleichgewichtspunkt, der 1986 weit verbreitet war. Damals kamen wir gerade aus Deutschland nach Kanada. Die beliebtesten Sättel hatten damals ihren Gleichgewichtspunkt nach hinten verlagert.

Heutzutage haben wir eine weit entwickelte Technologie, die es uns erlaubt, den Pferderücken und die Muskulatur des Pferdes besser zu verstehen. Deshalb unternehmen wir jede Anstrengung, um Gewicht vom Pferderücken zu nehmen oder es zumindest zu reduzieren. Dies betrifft vor allem die Region hinter dem 18. Brustwirbel, da hier die Sattelunterstützungsfläche endet.

Diese Anstrengungen verlaufen im Sand, wenn es der Reiterin unmöglich ist, im Gleichgewicht zu sitzen oder einer der anderen 14 Punkte der „Sattelanpassung für den Menschen“ nicht berücksichtigt wurde. Die Reiterin wird sich unbewusst schützen wollen und sich weiter nach hinten schieben, sodass der Druck auf den Pferderücken doppelt so stark wird. Die Reiterin verspannt sich, fühlt sich unwohl und wird starr, und das Pferd wird im Bewegungsfluss behindert.

Ich empfehle jeder Reiterin, sich einen Sattel auszusuchen, der ihr in allen Punkten passt. Ist dies der Fall, kann der Sattel leicht an das zweite Individuum im Team, ans Pferd, angepasst werden. Dann können alle drei, Pferd, Reiter und Sattel, zu einer Einheit verschmelzen.

Die Sattelanpassung besteht tatsächlich aus drei Bausteinen. Man passt an die Reiterin an, man passt ans Pferd an und daraus ergibt sich der dritte Baustein, die Harmonie. Harmonie kann man nicht erreichen, wenn nur einer der beiden anderen Bausteine funktioniert.

Ich würde gerne mit einem Zitat abschließen, dass ich häufig von Richtern gehört habe.

Das Pferd kann nur so gut sein, wie sein Reiter.

Der Sattel ist ein wichtiges Mittel, um die bestmögliche Leistung beider zu ermöglichen. Die Kraft des Pferdes wird von seiner Hinterhand durch den Sattel auf die Vorhand übertragen und die Geschmeidigkeit des Reiters fließt mit der des Pferdes zusammen, wenn alles harmonisch ist.

Hier noch einige äußere Einflusspunkte der Sattelanpassung:

Reiter/in:

  • Können verbessert sich
  • Wechsel der reiterlichen Disziplin
  • Neuer Trainer mit anderen Erwartungen
  • Neues Pferd
  • Gewichtszunahme, Gewichtsverlust

Sattel:

  • Die Füllung verschiebt sich
  • Der Zustand des Leders
  • Der Baum verdreht sich entsprechend ungleich zur entwickelten Muskulatur des Pferdes oder des Reiters
  • Das Kopfeisen weitet sich
  • Die Sitzpolsterung setzt sich

Pferd:

  • Training / Verfassung / Alter
  • Veränderungen der Fütterung
  • Gesundheitsschwankungen
  • Veränderung der Hufbearbeitung, anderer Beschlag