Ein Sinn für Berührung

Neulich kam ich von einem sehr erfolgreichen Fortbildungskurs von Saddlefit for life in Deutschland zurück. Dort hatte ich die Gelegenheit, wieder mit einigen ausgezeichneten Pferdeergonomen und einigen fantastischen Pferden zu arbeiten. Ich finde es spannend, dass die Tierschutzbelange zu einem beträchtlichen Teil als Grundlage für Gesetzesänderungen einiger Leitungsgremien und Dachverbände geworden sind. Angefangen mit dem VDH (Verband für das deutsche Hundewesen, Dachverband der Hundezucht, des Hundesports etc.), der verboten hat, Ruten und Ohren der Hunde zu kupieren oder zu beschneiden.

Also, vielleicht ist es merkwürdig, einen Rottweiler mit langer Rute zu sehen, oder einen Dobermann mit Hängeohren und langer Rute. Aber zweifelsohne ist es wesentlich tiergerechter. Ich glaube, dass diese Bestimmungen in Nordamerika langsam auch mehr Zustimmung erfahren. Und was hat das mit unseren Pferden zu tun?

Zunächst einmal ist es durch die Fédération Equestre Nationale (FN) – Deutsche Reiterliche Vereinigung e.V. – Bundesverband für Pferdesport und Pferdezucht – verboten, die Tasthaare zu entfernen, eigentlich sogar alle Gesichtshaare. Es ist manchmal wirklich bemerkenswert, wie viele Haare Pferde im Gesicht haben, vor allem, wenn man sie mit den Pferden vergleicht, die wir in Nordamerika auf Wettkämpfen zu sehen bekommen. Der Hang zur Haarlosigkeit macht in Nordamerika auch vor Menschen nicht Halt, vor allem Frauen müssen dafür sorgen, dass ihre Achselhöhlen, ihre Beine etc. frei von Haaren sind und auch Männer behandeln sich neuerdings mit Wachs, um haarfrei zu sein, denn die jüngere Generation ist in Nordamerika noch entschiedener gegen haarige Haut, während es in Europa noch immer und überall Frauen gibt, die sich nicht rasieren.

Also, ich gab meinen Mitarbeiter/innen Hausarbeiten auf und bat sie, herauszufinden, wie die Unterhaltungen über Pferdepflege in Chatrooms von Reitern abliefen. Es schien so, als sei es für die Mehrheit der Leute ok, die Tasthaare zu entfernen, ebenso wie die Haare in den Ohren und mitunter sogar die Wimpern der Pferde, bevor es zu einem Turnier oder einer anderen Veranstaltung ging. Es gab Artikel darüber, wie man Pferde für Turniere oder Zuchtschauen fertig macht, und darin wimmelte es nur so von Tipps, wie man den Pferden möglichst viele Haare abrasiert, und zwar im Gesicht. Das machte mich echt wütend. Das ist wirklich nicht in Ordnung. Ich zähle hier nachfolgend die Gründe auf, warum das so ist (Danke an Wikipedia und an Paul McGreavy, die mir dabei halfen.)

Ich habe Folgendes herausgefunden:

Tasthaare oder Vibrissae sind eine Art von Säugetierhaaren, die typischerweise größer sind, als normale Haare, sie haben ein großes und sehr gut mit Nerven versorgtes Follikel und sind im somatosensorischen Cortex des Gehirns identifizierbar dargestellt. Sie sind vor allem auf den Tastsinn spezialisiert.

Alle Haaretypen haben rudimentäre Sensoren. Denken Sie daran, wie Sie reagieren, wenn jemand nur über die Oberfläche Ihrer Armhaare fährt. Vibrissae wachsen bei den meisten Säugetieren in unterschiedlichen Regionen, auch bei allen Primaten, außer den Menschen. Lediglich die dicken Haare in unseren Nasenlöchern werden als Vibrissae der Oberlippe zugeschrieben. Auch einige Muskeln in unserer Oberlippe werden mit Tasthaaren in Verbindung gebracht.

Ratten und Mäuse werden als Tasthaarspezialisten betrachtet. Doch für andere Säugetiere ist das Sinnesorgan, das die Tasthaare darstellen womöglich noch wichtiger. Tasthaare sind jedenfalls sehr viel verbreiteter und wichtiger, als Sie denken.

Tasthaare wachsen typischerweise rund um die Nüstern oder Nasenlöcher und über der Oberlippe und den Augen, aber auch an den Vorderseiten der Unter- und Oberschenkel oder mitunter auch an den Füßen.

Seekühe besitzen überall am Körper und am Kopf Tasthaare, bei den meisten Säugetieren wachsen die Tasthaare jedoch nach einem geordneten Muster.

Pferde benutzen ihre Lippen und die Tasthaare, um Dinge einzuordnen oder zu erkennen. Im Pferdegehirn gibt es Zellen, die die Informationen von den Tasthaaren verarbeiten. Jedes Mal, wenn die Tasthaare des Pferdes etwas berühren, feuern die Nerven einen elektrischen Impuls zum Gehirn. Dadurch helfen sie herauszufinden, was berührt wurde. Pferde atmen durch die Nüstern.

Kräuselt ein Pferd seine Oberlippe nach oben, um sich mit einem Geruch auseinanderzusetzen, nennt man das „Flehmen“. Ein Pferd flehmt, wenn es im Jacobson-Organ, oder im vomeronasalen Organ, bestimmten Pheromonen auf die Spur gekommen ist und diese genauer analysieren möchte. Die Oberlippen von Pferden dienen zum Greifen, das bedeutet, sie können wie ein Greiforgan Gras rupfen, etwas berühren oder fühlen. Da Pferde wegen der Position ihrer Augen nichts sehen können, das direkt vor ihren Nüstern liegt, benötigen sie ihre Tasthaare, um Essbares von Schädlichem unterscheiden zu können.

Nimmt man ihnen dieses Sinnesorgan, so ist das ähnlich, als würde man einem Menschen die Fingerkuppen und damit den Berührungssinn entfernen. Je mehr Leute dies wissen, desto weniger persönliche Eitelkeiten im Umgang mit dem Pferd wird es hoffentlich geben und desto mehr wird sich das durchsetzen, was gut ist für unseren Partner Pferd.