Ein Tag im Leben von Jochen Schleese Teil 2

Foto: Schleese Saddlery Service, Jochen Schleese

Also, wie versprochen, hier die Fortsetzung …

10.30 Uhr
Zwischen halb elf und halb eins haben wir weitere fünf Reiterinnen beraten, die zu einer Sattelanpassung angemeldet waren, plus die beiden, die wir „dazwischen gequetscht“ hatten. Alles lief wie am Schnürchen. Während einer von uns der jeweiligen Kundin beim Reiten zusah, nahm der andere bereits die Maße und Anpassungen für eine andere Reiterin vor und die nächste Kundin machte schon mal ihr Pferd fertig.

Diese Form von „Fließbandarbeit“ ist äußerst effektiv, da wir auf diese Weise jederzeit mit zwei bis drei Kunden gleichzeitig arbeiten können. Bei Terminen, die leicht einmal ineinander übergehen können, ist das einfach wichtig, aber es hilft auch, wenn man jemanden einschieben möchte, der nicht angemeldet war. Zuschauer sind häufig fasziniert von unserer Arbeit und freuen sich, wenn für sie noch ein bisschen Zeit über ist.

13.30 Uhr
In unserem ersten Stall sind wir für heute fertig. Wir haben es hin bekommen, dort insgesamt sieben Kundinnen zu beraten. Normalerweise setzen wir zwischen 45 und 60 Minuten pro Kundin an, aber da einige von ihnen nur „nachgeschaut“ werden mussten und insgesamt nur zwei neue Kundinnen auch einen Sattel gekauft haben, haute unser Zeitplan doch recht gut hin.

Also packen wir zusammen, verspeisen einen Apfel und einen Müsliriegel und machen uns auf die Socken, um nach einer Stunde Fahrt den nächsten Stall auf unserer Liste zu erreichen. Hier soll am Abend glücklicherweise auch mein Vortrag stattfinden und da unser Hotel nur fünf Minuten weiter liegt, müssen wir sonst nirgendwo hin.

14.30 Uhr
Wir haben Stall Zwei erreicht. Von 15 bis 18 Uhr arbeiten wir mit Kundinnen zusammen. Es gab vier Terminvereinbarungen und wir hoffen, dass sich einige interessierte Zuschauerinnen zum Abendvortrag einfinden werden, um mehr zu erfahren, da wir an diesem Nachmittag wirklich niemanden mehr zusätzlich unterbringen können. Die Nachmittagstermine laufen wie geschmiert und am Ende haben wir weitere vier Reiterinnen mit strahlenden Gesichtern.

Jochen unterrichtet Kursteilnehmerinnen in Brasilien

18 Uhr
Wir machen sauber und bringen unsere Utensilien in den Schulungsraum, in dem die Stallbesitzerin einen Abendvortrag für ihre Einsteller und deren Freunde anbietet. Der Abend wird richtig gut, 26 Leute haben sich angemeldet, 17 von ihnen sind mögliche Neukunden. Für sie haben wir den nächsten Morgen reserviert. Falls sich jemand für eine Sattelberatung anmelden möchte, sind wir vorbereitet. Die Stallbesitzerin reicht Sandwiches und Wasser. Nach dem Imbiss fühlen wir uns etwas besser und haben mehr Energie.

18.30 Uhr
Ich stelle meinen Projektor an und sortiere meine Gedanken in Bezug auf den Vortrag. Er soll von 19 bis 21 Uhr dauern. Meine Mitarbeiterin legt meine Bücher und die DVD aus. Sie sind immer eine gute Möglichkeit, um weitere Informationen für Interessierte zu bieten. Die Leute kommen nach und nach. Einige haben mein Buch bereits und bitten mich, es zu signieren. Ich muss zugeben, dass es ein wirklich cooles Gefühl ist, sein eigenes Buch zu signieren. Ich habe mich noch nicht daran gewöhnt, sozusagen zur Prominenz zu gehören, aber es ist lustig, wenn ich Leute hinter meinem Rücken sagen höre „Das ist Jochen Schleese, er hat dieses Buch über Sattelanpassung geschrieben, weißt du …“.

Jochen zeigt, wie das menschliche Becken oben auf dem Sattelbaum positioniert ist.

19 Uhr
Der Vortrag beginnt und die nächsten zwei Stunden vergehen im Nu. Ich liebe es, zu unterrichten und meine Kernpunkte humorvoll vorzutragen und ich weiß, dass die Leute das wertschätzen, was ich ihnen zu bieten habe.

21 Uhr
Mein Vortrag ist zu Ende. Ich könnte allerdings noch stundenlang weitermachen. Meine Mitarbeiterin sorgt dafür, dass ich konzentriert bleibe, denn manchmal komme ich vom Hütchen aufs Stöckchen und so weiter. Meine Zuhörerinnen und Zuhörer haben einige Fragen und möchten noch etwas mehr hören.

21.30 Uhr
Wir beginnen, aufzuräumen. Für den nächsten Vormittag haben sich sechs weitere Personen angemeldet. Das ist super und ich freue mich, sie mit einem „wir sehen uns morgen früh“ verabschieden zu können. Wir verlassen den Stall und fahren zum nächsten Restaurant für ein schnelles, leichtes, spätes Abendessen. Es ist nicht mehr lang bis zum nächsten Morgen.

22.30 Uhr
Endlich erreichen wir unser Hotel und verabschieden uns für die Nacht. Ich weiß, dass meine Mitarbeiterin nun in ihrem Zimmer noch die Infos aus den Evaluierungsbögen und Karteikarten dieses Tages zusammen schreiben und in den PC übertragen wird. Meine Kollegin wird die Sattelbestellungen und Kundeninfos zusammenstellen. Und ich werde die nächste Stunde damit verbringen, meine Mails durchzugehen und den Verkaufsbericht für diesen Tag zu schreiben. Außerdem leite ich spezielle Probleme oder Beobachtungen ans Hauptbüro weiter, die längerfristig bearbeitet werden müssen.

23.30 Uhr
So, das war es aber nun! Obwohl dies für uns beinahe ein früher Feierabend ist, wenn wir unterwegs sind, das stimmt wirklich! An einigen Tagen arbeiten wir buchstäblich 14 bis 16 Stunden, um unsere Kundinnen zu beraten und zu unterstützen. Es ist anstrengend, wenn zwischen den einzelnen Terminen auch noch eine lange Fahrtstrecke liegt. Aber ehrlich gesagt macht es immer Spaß, neue Leute kennenzulernen und zu wissen, dass unsere Arbeit der Gesundheit und Lebenszufriedenheit von Pferd und Reiter einfach gut tut.

Ja, nun wisst ihr es. Ist es nicht wunderbar, wenn Leute sich erkundigen, was man so den ganzen Tag lang tut?

Das erinnert mich an einen der Lieblingswitze meiner Frau: Ein Mann kommt von der Arbeit nach Hause und findet das totale Chaos vor. Der Frühstückstisch ist nicht abgedeckt, im Waschbecken steht schmutziges Geschirr, überall liegt Kleidung herum, die Betten sind nicht gemacht. Besorgt rennt er in den ersten Stock und findet seine Frau im Bett, wo sie fernsieht und Schokolade isst. „Schätzchen“, sagt er, „Was ist los? Alles in Ordnung mit dir?“ “Mir geht`s super”, antwortet sie.
„Aber warum ist hier so ein Chaos?“ „Naja“, sagt sie, „immer, wenn du heim kommst, erkundigst du dich, was ich den ganzen Tag lang mache. Heute habe ich es einfach einmal nicht gemacht!“.