Fallgeschichten aus der Sattelanpassung

Ich arbeite ab und an mit meiner Freundin Dr. Joanna Robson, Tierärztin und Autorin von „Recognizing the Horse in Pain and What You Can Do About It“ (deutsch: Wie erkennt man, das sein Pferd Schmerzen hat und was kann man dagegen tun?) zusammen und berate mich häufig mit ihr, wenn es um Pferdethemen geht, die auftreten, wenn ein Sattel nicht gut passt.

Wir tauschen uns also über „Kriegsgeschichten“ aus. Sie ist Gründungsmitglied der Organisation HIPPOH (Horse Industry Professionals Protecting Our Horses). In dieser Woche möchte ich Ihnen eine der Fallgeschichten berichten, die Joanna mir kürzlich gemailt hat. Die Namen haben wir unkenntlich gemacht, um die Unschuldigen zu schützen, bzw. in diesem Fall die Schuldigen.

Ihre Kundin schrieb ihr:

Ich habe nun mit einigen Leuten über Sattelanpassung gemailt. Ich reite seit über zwanzig Jahren, habe aber noch nie etwas über das Aufpolstern von Sätteln gehört. Meine Situation ist die Folgende, vielleicht können Sie mir helfen.

Ich nehme Unterricht im Fahren mit einem elfjährigen Traber, der zwar eingefahren wurde, aber nie an Rennen teilnahm. Irgendwann in seinem Leben wurde er außerdem eingeritten und ist seither vielleicht ein Dutzend Mal geritten worden. Die Besitzerin lässt ihn sechs Tage die Woche in seiner Box stehen. Ich brauchte ein Reitpferd und er brauchte es, rauszukommen, also bot ich an, ihn zu reiten. Die Besitzerin glaubt, dass ihm mein Sattel wehtut, da er mit dem Kopf schlägt, die Ohren anlegt und buckelt, und das könnte auch stimmen, allerdings bin ich persönlich der Meinung, dass es eher daran liegt, dass ich möchte, dass er arbeitet und dass er Dinge tun soll, die er nicht tun möchte. Er ist nicht bemuskelt und sieht aus, als sei er bereits dreißig. Mein Sattel ist ein 20 Jahre alter C… mit Sattelkissen aus Filz.

Ich glaube nicht, dass es gerecht ist, wenn man nun ein Urteil fällt. Die Dame ist schlecht informiert, das ist offensichtlich, aber zumindest sucht sie (wahrscheinlich) nach Antworten auf ihre Fragen und nach Hilfe. Fast noch schlimmer ist es, dass die Pferdebesitzerin es in Ordnung findet, ihr Pferd nur eine Stunde pro Woche aus seiner Box heraus zu lassen, nämlich für den „Sonntagsspaziergang“.

Wie traurig ist das denn? An dieser Situation ist so viel verkehrt, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Alle beschriebenen Verhaltensweisen hängen mit einem schlecht passenden Sattel zusammen, der einen zu schmalen Kissenkanal und unpassende Kissen hat und zu lang ist. Ich komme zu diesem Ergebnis, ohne dass ich Pferd oder Sattel überhaupt gesehen habe. Teilweise könnten seine Probleme tatsächlich auch damit zusammen hängen, dass er zur Bewegungslosigkeit verdammt ist und keinerlei Sozialkontakte und zwischenartliche Kontakte hat.

Ich muss zugeben, dass die ersten hundert Sättel, die ich vor meiner Erleuchtung hinsichtlich der korrekten Konstruktion von Sätteln hergestellt habe, auch mit ziemlich engen Kissenkanälen und zu langen Kissen ausgestattet waren. Daher sollten Sie vorsichtig sein, wenn Sie ältere gebrauchte Schleese-Sättel von ebay oder wo auch immer kaufen. Überprüfen Sie die Seriennummer. Die letzten beiden Ziffern verraten Ihnen, in welchem Jahr der Sattel hergestellt wurde, der Buchstabe (W, E, H oder S in der Seriennummer) beschreibt den Baum, den der Sattel besitzt. Stellen Sie sicher, dass die Länge der Kissen zum Rücken Ihres Pferdes passt.

Traditionelle Holzbäume, so wie die, die im oben erwähnten Sattel bis zum heutigen Tag zu finden sind, werden aus ungefähr 16 Schichten verleimten Holz hergestellt und mit einem mehrfach genieteten Kopfeisen stabilisiert. Sie sind nicht wirklich anpassbar. Die meisten Sattelanpasser scheinen zu versuchen, die Passform über die Polster zu regulieren. Die Weite oder den Winkel der Kopfeisen können sie nicht verändern. Den Sattel ohne eine Anpassung des Kopfeisens einfach nur aufzupolstern, wird nicht das nötige Resultat erbringen. Filz- oder Schaumstoffkissen können außerdem schlicht und ergreifend gar nicht angepasst werden.

Häufig ist es frustrierend, wenn wir als Sattelanpassungsexperten Situationen wie diesen begegnen, in denen ein vollkommen falscher Schluss aus den bestehenden Problemen gezogen wird. Ob dies aus Unkenntnis oder bewusster grober Fahrlässigkeit geschieht, sei einmal dahingestellt. Wir bleiben dann auf der sicheren Seite, beißen uns auf die Lippen und sagen nichts, was wir später bereuen könnten. Das ist der Grund, warum ich leidenschaftlich gerne unterrichte. Je mehr Leute Bescheid wissen, desto mehr Pferden wird es besser gehen.

Man kann nicht die Welt verändern, indem man die Probleme eines Pferdes löst, aber man kann die Welt eines Pferdes verändern, indem man seine Probleme löst.

Ein Pferd nach dem anderen, das treibt mich an.