Muskelatrophie und Muskelaufbau

Ich treffe häufig auf Kund/innen, die sich darüber beschweren, dass ihre Sättel Muskelatrophie verursacht haben. Allerdings glaube ich, dass ein Missverständnis darüber besteht, was genau eine Muskelatrophie eigentlich ist und wie sie sich von einem gut ausgeprägten Muskel unterscheidet. Wenn ein Muskel über seine natürliche, normale Ausprägung hinaus trainiert wurde und dann eine Zeitlang nicht benutzt wird, bildet er sich natürlicherweise in seine normale Form zurück und sieht dann so aus, wie die Natur ihn eigentlich gedacht hatte. Es dauert viermal so lang, einen Muskel aufzubauen, wie es dauert, dass er sich zurückbildet. Daher kann eine Krankheit mit Bettruhe auch so dramatische Auswirkungen auf Ihre Beinmuskulatur haben.

Ein falsch angepasstes Kopfeisen übt konstanten Druck auf die Seiten des Widerrists aus. Dadurch bildet sich diese Stresslinie, die die Abwehrspannung des Trapezmuskels kennzeichnet.

Muskelatrophie tritt auf, wenn ein Sattel nicht im Gleichgewicht liegt und zu viel Druck auf einen bestimmten Muskel ausübt. Das Pferd versucht dann, diesem Druck zu entgehen. Es baut eine Defensivhaltung auf, indem es die Muskulatur in dieser Region und ihrer Umgebung anspannt. Das kann so weit gehen, dass es seine Gangarten verändert. Unter dem Druckpunkt ist die Blutzirkulation verringert und Nährstoffe und Sauerstoff können nicht mehr so gut in das betroffene Gebiet gelangen. Der Muskel atrophiert.

Die Erklärung von Tierärzten lautet, dass Muskeln unter konstantem Druck atrophieren. Zuerst werden die Haarfollikel geschädigt, was zu Haarverlust oder weißem Haar führt. Das kann nur verhindert werden, indem die Ursache beseitigt wird, also der drückende Sattel. Dann baut sich der Muskel wieder auf, das weiße Haar jedoch bleibt bestehen.

Das Wachstum verringerter Muskulatur wird durch die Muskelerinnerung unterstützt, wenn die Muskeln korrekt trainiert werden. Es dauert allerdings wesentlich länger, untrainierte oder falsch trainierte Muskeln wieder aufzubauen.

 

 

Der Trapezmuskel kann sich durch eine falsch gewinkelte Kissenspitze oder ein falsch gewinkeltes Kopfeisen entzünden. Infolgedessen bildet sich eine Schwellung sowie eine Kuhle hinterm Widerrist, wie auf dem Bild zu sehen ist.

Auch ein ausgeprägter Muskel kann atrophiert sein. In diesem Fall handelt es sich um eine Muskelausprägung im negativen Sinn, und diese ist durchaus auch eine Form der Atrophie. Durch korrektes Training wird die Muskulatur im positiven Sinn entwickelt. Negative Muskelentwicklung ergibt sich durch Abwehrspannung, die durch einen schlecht angepassten Sattel verursacht werden kann. Sie wird als hypertonisch betrachtet, da die Kontraktionsphase des Muskels unnatürlich lang und eine außergewöhnlich hohe Spannung aufweist. Dadurch entwickelt sich der Muskel fest, verkrampft und schmerzhaft, und es kann so aussehen, als sei er atrophiert.Die körperlichen Anzeichen eines Traumas, das durch einen schlecht angepassten Sattel entstanden ist, sind sehr viel leichter zu erkennen, als die psychischen Schmerzsignale eines Pferdes. Diese können Kopfschlagen, Buckeln, Stolpern, Zungen“fehler“, Steigen oder Widersetzlichkeit sein. Weiße Haare, trockene Hautregionen und Muskelatrophie fallen als Ergebnis einer schlechten Sattelpassform ins Auge.

All diese Anzeichen rühren daher, dass der Sattel nicht korrekt ans Pferd angepasst wurde. Entweder ist der Kissenkanal zu eng, oder die Kissenspitzen oder das Kopfeisen geben dem Widerrist nicht genug Raum, oder der Winkel der Kopfeisen passt nicht zum Winkel der Schulter, so dass diese sich wie eine sich öffnende Tür leicht darunter hindurch gleiten kann. Probleme mit der Wirbelsäule, Nervenschäden oder Knorpelverletzungen sind ebenfalls Folgen eines schlecht passenden Sattels und es kann Monate oder Jahre dauern, bis diese sich zeigen. Das Pferd kann Gurtzwang entwickeln, weil es die Schmerzen, die der Sattel ihm nach dem Gurten bereitet, vorwegnimmt.

 

 

 

 

 

Das Foto zeigt eine Muskelatrophie in der Lendenregion, die paradoxerweise durch ein falsch angepasstes Kopfeisen verursacht wurde. Dieses setzte den Reiter zu weit zurück und der Sattel übte starken Druck in der Lendenregion aus.

Wir haben alle schon einmal furchtbar atrophierte Trapezmuskeln beim Pferd beobachtet, die durch einen kneifenden Sattel verursacht wurden, aber ein Irrtum taucht in den Berichten über Atrophie immer wieder auf.

Wenn Ihr Pferd hinter der Schulterregion schmaler wird, liegt das nicht notwendigerweise an einer Muskelatrophie, sondern daran, dass sich der Muskel verlängert, wenn man ihn gebraucht.

Als Vergleich: Wenn Sie Ihre Hand zur Schulter bringen, spannt der Bizepsmuskel an und wird größer, strecken Sie dagegen den Arm aus, wird der Muskel gedehnt. Schauen Sie sich an, wie schmal der Muskel nun wirkt.

Genau wie ein gedehnter Pferderücken. Wenn Ihr Pferd weiter ausgebildet ist, sollte der Longissimus Dorsi, der lange Rückenmuskel, gedehnt werden, und dabei handelt es sich nicht um Muskelatrophie.

 

Genau wie beim Bodybuilding wird durch die Muskelausprägung und die Biomechanik deutlich, warum einige Körperregionen wuchtig werden, und andere genauer abgegrenzt und schlanker wirken. Nach einem Jahr Training braucht ein Bodybuilder wahrscheinlich ein neues Jackett, weil sein Oberkörper größer, und neue Hosen, weil seine Taille schmaler geworden ist. Und dies ist dann nicht auf eine Muskelatrophie durch einen drückenden Gürtel zurück zu führen.

Die meisten Menschen lieben ihre Pferde und es würde sie belasten, zu erfahren, dass ihre Sättel solche Probleme verursachen. Pferde benehmen sich nicht aus Vorsatz schlecht. Sie wollen ihrem Leittier immer alles recht machen. Sie wertschätzen die Bindung zwischen sich selbst und ihrem Reiter und verstehen nicht, warum diese Beziehung durch einen Sattel beeinträchtigt wird, der Schmerzen verursacht.

Als Reiterin wissen Sie instinktiv, wenn etwas in der Beziehung zu Ihrem Pferd nicht stimmt, wenn es nicht zur Begrüßung leise grummelt oder freiwillig zu Ihnen kommt, wenn Sie es rufen. Drückt ein Pferd sich so extrem aus, dann ist Ihnen klar, dass es schon viele Tage lang gelitten hat. Vergewissern Sie sich, dass Sie das Problem nicht verschärfen, indem Sie die Folgen anstelle der Ursachen angehen. Es kann sein, dass Ihr Sattel neu angepasst werden muss, aber vielleicht gibt es noch weitere Aspekte, die zu den Rückenproblemen Ihres Pferdes beitragen. Beziehen Sie Ihre Pferdespezialisten immer mit ein, um herauszufinden, was genau falsch läuft.