Die Sattelpassform und eine Fallgeschichte mit einer Distanzreiterin

Seit ich mit einigen der Top-DistanzreiterInnen aus den Vereinigten Staaten zusammenarbeite, interessiere ich mich mehr und mehr für diese Disziplin. Ich bin glücklich über meine Verbindung zu diesen ReiterInnen, die ich darin unterstütze, ihre Pferde gesund über die langen Strecken der Ditsanzrennen zu bringen.

Ich habe mitverfolgen können, wie sich der Distanzsport aus seiner verrückten ersten Phase zu der wohlgeordneten und rasanten Sportart entwickelte, die er heute darstellt. Sehr viel mehr als früher hat der American Endurance Ride Council (AERC) als Dachverband des Distanzsports in den USA und Kanada vor allem das Wohlergehen der Pferde im Blick, was ich wirklich zu würdigen weiß, da ich Zeuge dessen wurde, was einige DistanzreiterInnen in früheren Jahren ihren Reittieren angetan haben. Diese Form der Misshandlung und Missachtung unserer wundervollen vierbeinigen Sportpartner kommt heutzutage zum Glück selten vor und das ist zum größten Teil ein Verdienst der AERC.

Vor einigen Wochen habe ich mich mit einer Reiterin und der Besitzerin ihres Reitpferdes unterhalten, das einige Wochen zuvor einen 55 Meiler gegangen war. Das Pferd wird mit einem Schleese Sattel geritten und die beiden Frauen sagten mir, dass das Pferd innerhalb eines Monats nach der letzten Sattelanpassung extrem rückenempfindlich geworden und die Muskulatur der Oberlinie vollkommen zurückgegangen war.

Vor allem betroffen war die Schulterpartie (dort gab es Stellen mit weißem Haar) und die Region hinter der 18ten Rippe. Beide bestanden darauf, dass die weißen Haare darauf zurückzuführen seien, dass wir für die Füllung unserer Sättel offensichtlich synthetische Wolle benutzen würden.

Sie sagten, diese Wolle würde zusammenklumpen und hart werden, was echte Wolle niemals tut. Diese harten Klumpen der synthetischen Wolle habe die Stellen mit weißem Haar an der Schulter verursacht. Ich bekam ein Video von diesem Pferd und hänge einige Standaufnahmen an, für deren schlechte Qualität ich mich hiermit entschuldigen möchte.

Distanzreiter absolvieren wöchentlich eine absolut extreme Form von Reiten. Die Passform eines Distanzsattels zu erhalten ist wirklich kniffelig, weil so viele Faktoren aufeinander einwirken. Flüssigkeitsverlust, Kalorienverbrauch, Muskelspannung, Stoffwechselarbeit etc. Es steht außer Frage, dass die körperlichen Veränderungen, die ein Pferd (und sein/e Reiter/in) bei einem 55-Meiler durchlaufen, ziemlich gravierend sind.

Wir dürfen nicht vergessen, dass eine sportliche Strapaze solchen Ausmaßes nicht unbedingt natürlich für ein Pferd ist. Darüber hinaus sind Pferde nicht als Reittiere konstruiert. Es erfordert eine extrem aufmerksame Pflege und ein exzellentes Trainingsprogramm für sowohl das Pferd als auch den Reiter, um in der Lage zu sein, solche Ziele zu erreichen.

Normalerweise ist weißes Haar ein Zeichen für vorangegangenen Druck. Wird das Haarfollikel komprimiert, führt die Minderdurchblutung dazu, dass nach dem Fellwechsel weiße Haare entstehen. Daher sind die weißen Haare das Ergebnis einer Situation in der Vergangenheit, die entweder bereinigt wurde oder immer noch besteht.

Die Falten auf dem Rücken des Pferdes wurden vermutlich durch das Pad verursacht. Wir empfehlen Sattelunterlagen aus Baumwolle, auf Wunsch mit Lammfell, aber keinen Schaum.

Bezüglich der Beflockung der Kissen: Wir benutzen ausschließlich eine bestimmte Sattlerwolle, die wir trotz der teuren Transportkosten und Zölle direkt aus England beziehen. Sie ist die einzige Kissenfüllung, die sich Jahrzehnte hindurch bewährt hat.

Andere Sattelhersteller verwenden unterschiedliche Polstermaterialien, unter andren auch reine Schafwolle. Schafwolle neigt aber zum Klumpen und wird dann steinhart, da ihr die synthetische Komponente fehlt, die ihr Schwung und die Fähigkeit, sich wieder auszudehnen, verleiht.

Sattlerwolle ist eine Mischung aus 60 Prozent Schafwolle und 40 Prozent Synthetik und entspricht dem Material, das seit Jahrzehnten benutzt wird, um Sättel zu polstern.

Distanzreiten wird häufig mit Formel-1-Rennen verglichen. Während eines Formel 1 Rennens muss das Auto mehrere Male im Boxenstopp pausieren und wird dort gewartet, um wirklich eine Höchstleistung bringen zu können.

Während der Saison der Distanzreiter sollte ihr Sattel tatsächlich monatlich überprüft werden, zumindest aber sofort dann, wenn sich die Reiterin oder der Reiter nicht optimal ausbalanciert fühlt oder wenn das Pferd auch nur einen Hauch von Widersetzlichkeit zeigt.

Das sind Hinweise darauf, dass es Zeit für einen Sattelcheck ist. Wenn die Reiterin über Rückenschmerzen klagt, kann das ein weiteres Zeichen dafür sein, dass der Sattel nicht mehr im Gleichgewicht liegt. Es kann natürlich auch ein Zeichen für Muskelkater sein, der durch die reiterliche Leistung verursacht wurde, mit der so ein langes Rennen einhergeht.

Kein Wildpferd würde 50 Meilen in sieben Stunden hinter sich bringen. Das ist aber die Durchschnittszeit, in die die Tierarztkontrollen und die vorgeschriebenen Pausen bereits eingerechnet sind.

Die weiteste, von Forschern dokumentierte Strecke, die Wildpferde in Freiheit an einem Tag zurückgelegt haben, ging über 20 Meilen, und auch das ist eher ungewöhnlich weit. Die Pferde waren dabei beinahe konstant am Grasen.

Während eines Distanzrittes in Kalifornien wurden die Pferde, die den 50 Meiler gingen, sowohl vor, als auch nach dem Ritt gewogen. Dieses besondere Rennen ist wegen seiner Strecke, die über die meisten und die steilsten Hügel aller nordamerikanischen 50 Meiler führt, berühmt.

Normalerweise ist es außerdem extrem heiß. Der durchschnittliche Gewichtsverlust der über achtzig Pferde betrug an diesem Tag 50 Pfund, also ein Pfund pro gelaufener Meile.

Also kann man wirklich sagen, dass sich die Körperform eines Distanzpferdes während des Rittes verändert. Der Sattelgurt ist zu Beginn des Rittes stramm, und später am Ende ist er lose.

Diese Distanz und diese Geschwindigkeit sind in keinster Weise natürlich, genau wie jeder andere Wettkampfsport mit Pferden unnatürlich ist. Es erfordert jahrelange Vorbereitung, selbst wenn ein Pferd das Talent fürs Distanzreiten mitbringt.

Ich bin wirklich traurig darüber, wie das Pferd auf den Fotos aussieht. Es ist so mager und so schwach bemuskelt, eine riesige Veränderung in solch einer kurzen Zeit. Ich habe viele Bilder von Distanzreitern gesehen, die zeigen, wie es zu diesem Ergebnis nach einem 50 Meiler kommen kann.

Die Pferde gehen mit durchgedrückten Rücken und steif erhobenen Hälsen. Das Video des Pferdes aus der Fallgeschichte sieht aus, als sei es direkt nach so einem unglaublich anstrengenden Ritt aufgenommen worden. Sie sehen, wie mager das Pferd wirkt. Es liegt in der Verantwortung des Reiters oder der Reiterin, ihr Pferd glücklich, gesund und schmerzfrei zu erhalten, gerade auch während der Trainings- und Wettkampfszeit. Für Distanzreiter gilt dieser Grundsatz wegen der Anforderungen ihres Sportes gleich zehnfach!