Die Sattelpassform und die Asymmetrie oder Schiefe von Pferd und Reiter

Neulich kam ich zu einer Kundin, die ein Problem hatte, das weit verbreitet ist. Das Gleichgewicht von ReiterInnen ist heutzutage ein heiß diskutiertes Thema. Wenn man sich Reiter von hinten anschaut, so sitzen sie häufig nicht ganz gerade. Das betrifft auch Top-Reiter. Als ich dem Pferd seinen Sattel auflegte, passte der Baum und die Kissen waren gleichmäßig (dieser spezielle Sattel hatte luftgefüllte Kissen) und die Reiterin belastete dem Anschein nach beide Sitzbeinhöcker gleichmäßig. Im Stehen sah alles gut aus.
Dann begann das Pferd, Schritt zu gehen. Der Sattel tat, was er tun sollte, er blieb erst einmal liegen, wo er war. Ich war vollkommen zufrieden mit dem, was ich sah. Der Sattel passte zu Pferd und Reiterin. Jedenfalls zwei Minuten lang. Dann fing die Reiterin an, krumm zu sitzen. Neun von zehn Problemen beginnen im Becken und in den Beinen. Die meisten Reiter kompensieren in der Lendenwirbelsäule, also im unteren Rücken. Der Oberkörper folgt und sie rotieren irgendwo im Rücken, eine Schulter ist höher als die andere und auf dieser Seite wird auch die Hand höher getragen. Der Sattel der Reiterin verschob sich nach rechts, je länger sie ritt. Als ich den Sattel abnahm, sah der Staubabdruck recht gut aus, auf der linken Seite, dort, wo die Reiterin mehr Gewicht hinbrachte, war aber etwas mehr Staub.
Inzwischen, mit langen Jahren an Erfahrung, denke ich, dass Reiter durchaus beeinflussen können, wie „geradegerichtet“ ihr Pferd ist. Ich bin nur wenigen Pferden begegnet, deren Trapezius und langer Rückenmuskel (Longissimus) auf beiden Seiten gleichmäßig ausgebildet waren.
Um ein Pferd vor Langzeitschäden zu bewahren, müsste ich eigentlich auch dem Reiter helfen. Aber das ist nicht meine Aufgabe als Sattelergonom oder als Sattelanpasser. Wenn ein Trainer sagt, dass das Problem durch das Pferd und seine Schiefe verursacht wird, soll ich dann nur die Kissen anpassen, so dass der Reiter weniger schief sitzt oder soll ich gar nichts tun? Ist der Reiter dafür verantwortlich, seinen Körper so zu trainieren, dass er oder sie dem Pferd nicht schadet?
Sattelanpasser, Trainer und Reiter können zwischen drei kurzfristigen Lösungsmöglichkeiten wählen, je nach ihren persönlichen Umständen. Diese Lösungsmöglichkeiten basieren auf dem Bereich, der Einfluss auf das Pferd nimmt. Es gibt mehr als nur einen Faktor, der innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne auf das Exterieur des Pferdes oder den Körper des Reiters einwirkt, manchmal geht es dabei nur um einen einzigen Tag!

  1. Die Luftfüllung in den luftgefüllten Kissen kann so angepasst werden, dass sie die strukturelle Schiefe des Reiters ausgleicht. Wollgefüllte Kissen können natürlich auch an solch eine Situation angepasst werden.
  2. Hat die Reiterin einen schlechten Sitz, empfehle ich, dass sie oder er an ihrer eigenen Geraderichtung arbeitet, indem sie ihre Kernmuskulatur durch bestimmte Übungen stärkt. Der Sattel sollte niemals als Sitzprothese dienen! Er ist dazu da, um Pferd und Reiter vor Langzeitschäden zu schützen, nicht um als Krücke von einem Reiter ohne Körperkontrolle benutzt zu werden.
  3. Falls die linke Schulter des Pferdes größer ist, als die rechte, sitzt der Sattel im Stand gut, aber in der Bewegung schiebt die größere Schulter den Sattel auf die hohle Seite, im Beispiel ist das die rechte Seite. In diesem Fall muss der Sattel angepasst werden. Das Kopfeisen muss auf der linken Seite etwas geweitet (xx cm), und die rechte Seite muss um das gleiche Maß (xx cm) enger gemacht werden. Dadurch öffnet sich der Sattel links und bietet der größeren linken Schulter genügend Platz, so dass sie den Sattel in der Bewegung nicht mehr nach rechts schiebt. Noch idealer wäre eine Anpassung, die allein auf die größere Schulter ausgerichtet ist. Leider kann man nur wenige Sättel auf diese Weise anpassen. Daher funktioniert es ebenso gut, wenn so wie oben beschrieben angepasst wird, so dass die größere Schulter genügend Raum für ihre Bewegungsfreiheit hat, und man die andere, schmalere Schulter mit einem zusätzlichen Polster unterstützt.
 Pferdeschultern: a) linke Schulter ist dominant b) gleichmäßig ausgeprägte Schultern c) rechte Schulter ist dominant

 

 

 

 

 

Der Blick von vorne aufs Pferd zeigt sein Knochengerüst und die muskulären Strukturen. Der Querschnitt links zeigt a) ein gleichmäßig aufgebautes Knochengerüst und b) ein deutlich höheres linkes Schulterblatt mit einem stärkeren Oberarm (Humerus) auf der rechten Seite.

Es gibt viele Theorien darüber, welche Ursache die Schiefe von Pferden haben könnte. Sie könnte genetisch bedingt sein, so wie die meisten Menschen ja Rechtshänder sind, sie könnte mit der Lage des Fötus im Mutterleib zu tun haben oder sie könnte ein Ergebnis der Domestizierung und der Haltungsbedingungen unserer Pferde sein. In den 34+ Jahren, in denen ich nun in der Sattelindustrie arbeite, haben meine Sattelanpasser und ich über 150.000 Pferde auf allen Kontinenten ausgemessen und beobachtet.
Die Mehrzahl dieser Pferde hatte eine stärker bemuskelte linke Schulter, und das Schulterblatt auf dieser Seite lag höher und reichte weiter nach hinten. In der dynamischen Bewegung wird dann wirklich offensichtlich, wie der Sattel nach rechts geschoben wird, wenn er nicht richtig an die größere Schulter angepasst worden ist.

Als Ergebnis sitzt die Reiterin gezwungenermaßen nicht im Gleichgewicht, krumm, und lehnt sich zu einer Seite, um die Schiefe auszugleichen. Der Linksgalopp fällt dem Pferd viel leichter. Wir führen von links, wir sitzen von links auf, wir satteln von links. Wenn Pferde kämpfen, verteidigen sie sich, indem sie die linke Schulter zum Angreifer drehen. Das ist interessant, finden Sie nicht?

Im obigen Fall konnte der Sattel nicht asymmetrisch über den Baum angepasst werden und wir wählten Plan B. Das heißt, wir passten den Sattel an beiden Schultern so an, dass er der größeren Schulter genügend Platz bot und die Reiterin packte ein Gelpad mit einer Einlage auf der Seite der kleineren Schulter unter den Sattel. Die luftgefüllten Kissen wurden zusätzlich angepasst, so dass sie der besser bemuskelten Seite des Pferdes Raum boten und voilà, die Reiterin blieb auch beim Reiten einer normalen Lektion gerade sitzen. Pferd glücklich, Reiterin glücklich. Meine Aufgabe war erledigt.