Tipps für die Sattelanpassung, Tipps 8 und 9 – Der Winkel sowie die Breite des Kopfeisens und des Sattelbaums

Nun sind wir bei den letzten beiden Tipps in meiner Serie über die neun Punkte der Sattelanpassung angekommen. Ich habe das alles so genau ausgeführt, weil sich alle Punkte gegenseitig beeinflussen. Einer funktioniert nicht ohne den anderen, und das ist ein Thema, das viele Sattelhersteller einfach nicht verstehen, vor allem diejenigen unter ihnen, die Do-it-yourself oder selbstanpassbare Kopfeisen im Angebot haben. Diese Kopfeisen werden auf alle Fälle den Winkel des Sattelbaums verändern, aber leider ist es nicht möglich, sie außerdem gleichzeitig auch an die Breite des gesamten Widerrists anzupassen. Das wäre aber für eine korrekte Passform wichtig.

Links: Diese drei Querschnitte zeigen identische Winkelungen des Sattelbaums bei unterschiedlicher Breite des Sattelbaums.
Rechts: Diese drei Diagramme zeigen gleich breite Sattelbäume, aber unterschiedliche Winkelungen des Sattelbaums.

So ziemlich jeder Reiter ist sich bewusst, dass Sattelbäume eng, mittel oder breit sein können. Diese Bezeichnungen können sich aber sowohl auf den Baum (das Kopfeisen), als auch auf den Winkel des Kopfeisens beziehen. Im Englischen bezeichnet “narrow wide” ( also eng, weit) beispielsweise einen Sattel, der einen engen Kopfeisenwinkel und einen breiten Baum hat. Die meisten gut trainierten und regelmäßig gerittenen Pferde haben einen Sattel, auf den diese Bezeichnung zutrifft. Ihr Rumpf ist breit und ihre Schultern sind hintenoben.

Bleibt ein Sattel nicht hinter der Schulter des Pferdes liegen und rutscht stattdessen permanent nach vorn, weil Breite und Winkel nicht zum Pferdekörper passen, drücken die Ortspitzen des Kopfeisens in die Pferdeschulter. Dadurch wird auf dem Schulterblatt zuerst Narbengewebe ausgebildet und später werden Knorpel- und Knochenchips abgeschürft. Diese Langzeitschäden sind irreversibel. Sie führen zu ständigen Taktfehlern oder Lahmheit und frühzeitigem Ausscheiden des Pferdes aus dem Sport bzw. Unreitbarkeit. Um solche Schäden zu vermeiden, ist es unabdinglich, den Winkel des Kopfeisens an den der Pferdeschultern anzupassen.

Stellen Sie sich eine Schiebetür mit zwei Türflügeln vor. Wenn sie gut eingepasst sind, wird sich die eine frei zur anderen hin und hinter ihr durchschieben lassen. Ist das aber nicht der Fall, kracht die eine auf die andere. Genauso ist es auch im Falle der Pferdeschulter und dem Winkel des Kopfeisens oder Sattelbaums. In der Bewegung rotiert die Pferdeschulter nach oben und hinten. Passt der Winkel des Sattelbaums nicht zum Winkel der Schulter, können die Schultern nicht frei unter dem Sattel rotieren und behindern die Bewegung. In jedem Fall ist ein Sattel mit falsch angepasstem Winkel des Sattelbaums extrem unangenehm fürs Pferd und schlimmstenfalls führt er zu Langzeitschäden.

Wie finden Sie den Winkel des Kopfeisens heraus?

Um den Schulterwinkel des Pferdes zu bestimmen, setzen wir das Sprenger Maß ein. Man legt es hinter das Schulterblatt, so dass der Oberarm des Werkzeugs parallel zum Winkel der Skapula verläuft. Dann wird der Winkel des Sattels daran angepasst, so dass beide Winkel gleich sind. Dies ist jetzt die einfache Variante, man könnte auch den flexible ruler einsetzen, um die Form des Widerrists zu bestimmen, wenn man wirklich den korrekten Winkel wissen möchte.

Diese Sattel Ergonomin misst den Winkel der Pferdeschulter und setzt dabei das Sprenger Maß ein.

Woher wissen Sie, dass der Winkel Ihres Sattelbaums korrekt zu Ihrem Pferd passt?

Legen Sie den Sattel ohne Sattelunterlage auf den Pferderücken. Dann überprüfen Sie, ob die Naht zum Winkel der Pferdeschulter passt. Tut sie das, dann ist der Winkel des Sattelbaums korrekt ans Pferd angepasst.

Wenn Sie sich immer noch unsicher sind, ob der Winkel des Sattelbaums für Ihr Pferd korrekt ist, beobachten Sie sein Verhalten unter dem Sattel. Ist der Winkel zu weit, hat es oben am Widerrist zwar genügend Widerristfreiheit, der Sattel drückt aber auf die Seiten des Widerrists. Er wird außerdem auch am Reflexpunkt des elften Hirnnervs Druck ausüben und dadurch die Schulterfreiheit beeinträchtigen, so dass das Pferd sich nur unwillig oder gar nicht mehr frei vorwärts bewegt. Es nimmt den Kopf nach oben oder drückt den Rücken durch, bis der Reflexpunkt sich taub anfühlt.

Verhält Ihr Pferd sich so?

Dann könnte es sein, dass der Winkel Ihres Sattelbaums nicht korrekt angepasst wurde. Es ist wichtig, zu verstehen, dass Ihr Pferd nicht widersetzlich sein will. Aber wenn der Sattel ständig auf den Reflexpunkt drückt, hat es eigentlich keine andere Wahl. Es kann die Muskeln, von denen Sie gerne möchten, dass es sie gebraucht, gar nicht einsetzen.

Eine der häufigsten Ausflüchte, die ich höre, klingt so: “Ich muss ihn erst eine Zeit lang warm reiten, bevor er mir zuhört.” In Wirklichkeit wird das Pferd in diesem Fall leider so lange geritten, bis es den Schmerz nicht mehr spürt. Vielleicht haben wir nun die Ursache dafür ergründet. Selbst wenn ein Sattel im Stand so aussieht, als würde er passen, kann sich der Winkel in der Bewegung verändern. Ich weiß, das hört sich jetzt irgendwie kontraproduktiv an, aber wenn der Winkel zu weit ist, sitzt der Sattel auf dem Widerrist auf, sobald sich ein Reiter im Sattel befindet. Im Stand und ohne Reiter kann es aber so aussehen, als sei jede Menge Platz rund um den Widerrist.

Leider sehen wir auch sehr oft Sättel, deren Baum einem bestimmten Pferd zu eng ist. Die Pferdeschulter kann sich dann nicht frei bewegen. Wenn man versucht, einen Sattel mit zu engem Baum passend zu machen, indem man die Sattelunterlage polstert oder eine weitere Sattelunterlage auflegt, ist das, als ob man ein zweites Paar Socken in einem Schuh trägt, der zu klein ist. Der Schuh wird dann nicht besser passen und mit dem Sattel ist es genauso. Leider sehe ich es trotzdem ziemlich häufig.
Ist der Baum zu weit, kann es sein, dass der gesamte Sattel oder jedenfalls der hintere Teil davon beim Reiten von einer Seite zur anderen rutscht. Dies kann allerdings auch der Fall sein, wenn eine Seite, meist handelt es sich um die linke Seite, stärker bemuskelt ist, als die andere. Zum Ausgleich wird der Sattel dann auf die andere Seite geschoben.

Die Breite und der Winkel des Sattelbaumes müssen unbedingt aufeinander abgestimmt werden.

Wenn nämlich die Breite korrekt angepasst ist, der Winkel aber nicht, passt der Sattel dem Pferd nicht. Das Gleiche trifft auch für den umgekehrten Fall zu, wenn der Winkel korrekt ist, die Breite des Baumes aber nicht. Den Sattel dann an den Kissenspitzen aufzupolstern oder Polsterung zu entnehmen, löst dieses Problem nicht. Stattdessen muss das Kopfeisen neu angepasst werden. Manchmal passen sowohl der Winkel, als auch die Breite des Sattelbaumes übrigens nicht zum Pferd.

Ein korrekt angepasster Sattel hat einen Baum, der breit genug ist und einen gut aufs Pferd abgestimmten Winkel, der verhindert, dass der Dornfortsatzmuskel (Muskulus Spinalis) gequetscht wird. Hier sitzt ebenfalls ein Reflexpunkt, der die Vorwärtsbewegung hemmt oder vollkommen verhindert. Denken Sie daran, dass eine Stute beim Deckakt vom Hengst in diesen Punkt gebissen wird, damit sie still stehen bleibt, ihren Rücken hohl macht und ihr Becken öffnet. Um herauszufinden, wo der Muskulus Spinalis sitzt, ziehen Sie 10 Zentimeter vom Ansatz des Widerrists entfernt eine Linie und von dort aus ziehen Sie wieder eine Linie nach hinten, so wie es auf dem Foto unten zu sehen ist. Auf diesem Dreieck darf der Sattel nicht liegen. Wir nennen es das Dreieck der Verdammnis. Das klingt zwar nach Drama, aber der Gedanke dahinter stimmt einfach. Wenn man in diesem Dreieck konstant Druck ausübt, verdammt man das Pferd zu Schmerzen und es kann sich nicht vorwärts bewegen, oder jedenfalls nicht gut oder gerne.