Zwei unterschiedliche Theorien über die Sattelpassform II

Theorie zwei

Im völligen Gegensatz dazu steht die zweite Theorie (das ist die, die wir gut finden). Hier lässt der Sattel die Wirbelsäule, die Lendenwirbel und die Schultern frei. Die Unterstützungsfläche des Sattels liegt auf den Gewicht tragenden langen Rückenmuskeln (Longissimus dorsi) auf.  Wenn der Sattel auf der Gewicht tragenden muskulären Auflagefläche aufliegt, hat das den Vorteil, dass er Abstand zu den Reflexpunkten hält, die Probleme im Pferdeverhalten, im Gebäude oder der Gesundheit auslösen. Dass er nicht auf der Wirbelsäule, der Lendenregion oder der Schulter aufliegt, bewirkt, dass die Rückenmuskulatur locker und geschmeidig bleibt. Ihr Pferd kann sich durch das ISG mit seiner Hinterhand verbinden und diese besser aktivieren, indem es den Glutaeus maximus und die hinteren Oberschenkelmuskeln streckt. Bei Theorie eins, bei der der Sattel auf den Bändern liegt, erschweren unwillkürliche Muskelkontraktionen oder –verspannungen das korrekte Zusammenspiel der arbeitenden Muskulatur. Das Pferd ist daher in seinem Bewegungsumfang eingeschränkt. Im Gegensatz dazu ermöglicht Theorie zwei sowohl das Dehnen, wie auch das Zusammenziehen des Muskels. Hier ist also das volle Bewegungsausmaß möglich. Der erfolgreichste Weg, um ein Pferd zu trainieren, ist es, sowohl die Beugung, also die Verkürzung der Muskulatur, als auch die Streckung, also die Dehnung der Muskeln, zu maximieren. Dazu ist das volle Bewegungsausmaß nötig. Indem der Druck auf die Schulter verringert wird, kann Ihr Pferd den Halsansatz anheben und sich im Genick lösen. Da Theorie Nummer zwei es ihm ermöglicht, seine Muskulatur ungestört einzusetzen und den Brustkorb  anzuheben, kann es sich mehr bergauf bewegen und die Sattelbalance wird während der positiven Veränderungen, die es während seiner Karriere durchläuft, mehrfach neu angepasst werden müssen.

Das Pferd wird auch in Theorie Nummer eins laufen, doch da der Sattel auf der Wirbelsäule aufliegt und nur wenig Kontakt zur Rückenmuskulatur hat, wird sein Körper Schaden nehmen. Es wird laufend unkorrekte Muskulatur ausbilden und diese Fehlentwicklung wird immer sichtbarer werden. Mit der Zeit werden die Rückbildung der Muskulatur und der Druck auf die Wirbelsäule zu Dauerschäden führen. Bei Theorie Nummer zwei wird es wegen des vergrößerten Bewegungsausmaßes zeitweise zu Muskelschmerzen kommen, da mehr Milchsäure angereichert wurde, genau wie bei uns Menschen, wenn wir auf eine neue Art trainieren. Das ist ganz natürlich, wenn Muskelfasern sich erholen sollen und es führt zu Muskelwachstum und erhöhter Durchblutung. Dass der Muskel während eines akuten Muskelkaters vor Druck verschont werden sollte, klingt logisch, aber irgendwo muss der Sattel natürlich aufliegen.

Hat ein Pferd in seiner Vergangenheit einen schlecht angepassten Sattel getragen, der Rückenschmerzen verursacht hat, so wie ein Sattel aus Theorie eins, sollten Sie sich nicht entmutigen lassen, wenn Ihr Pferd nach dem Wechsel zu einem Sattel aus Theorie zwei Anzeichen für Muskelkater zeigt. Dieser Muskelschmerz ist, wie oben erklärt, ein gutes Zeichen. Kurzfristig können Sie Ihrem Pferd Erleichterung verschaffen, indem Sie den hinteren Sitz des Sattels etwas lockern, wenn Sie zum Beispiel den hinteren V-Gurt etwas lösen. Dadurch wird sich der Sattel zwar mehr bewegen (nach oben und unten, nicht zur Seite auf die Wirbelsäule!) und ein Zuschauer könnte denken, dass der Sattel kippt, weil er schlecht angepasst wurde. Wenn Sie sich aber für Theorie zwei entschieden haben, wissen Sie, dass dies ein Teil des Heilungsprozesses Ihres Pferdes ist, der ihm helfen wird, gesünder und stärker zu werden und sich korrekt zu entwickeln.